Tumminellis Designkritik
Berliner Bahnhof: Bombastisch

Vor knapp über einem halben Jahr wurde der neue Hauptbahnhof von Berlin in Betrieb genommen. Das Konzept überzeugt durch seine architektonische Perfektion. Dennoch gibt es einige Ungereimtheiten.

Ein paar Monate ist es erst her, dass der Berliner Hauptbahnhof eröffnet wurde – jetzt macht er erneut von sich reden. Auf ausdrücklichen Einspruch des Architekten Meinhard von Gerkan hat das Berliner Landgericht entschieden, dass das prächtige Gebäude zum Teil umgebaut werden muss: Denn die Bahn hatte entschieden, statt gewölbter Deckenkonstruktionen – wie von von Gerkan vorgesehen – einfachere Flachdecken einbauen zu lassen.

Der Sieg des Designs über die Interessen der Investoren hätte nicht besser gefeiert werden können: Am Abend der Bekanntmachung des Urteils erhielt von Gerkan – und mit ihm die Bahn – den begehrten Renault Traffic Design Award, ebenfalls in Berlin.

Obwohl die besagte Decke sowie die – ebenfalls von der Bahn – gekürzten Gleishallen, nicht der Perfektion des Entwurfs entsprechen, waren sich die Jurymitglieder einig, dass der Berliner Hauptbahnhof ein vorbildlicher Bau ist und dazu vor allem die Krönung eines weltweit einmaligen Projektes: der Renaissance der Bahnhöfe.

Nun weiß jeder Designer aus eigener Erfahrung, dass zwischen Entwurf und realisiertem Produkt zum Teil Welten liegen: Mal aus Kostengründen, mal auf Grund von Machtspielen kommt es zu den berühmten, angeblich optimalen Kompromisslösungen. Sowohl den Auftragnehmern als auch den Auftraggebern gefällt dieser demokratische Prozess meist: Denn wer keine persönliche Entscheidung fällt, der kann auch nicht für den Misserfolg verantwortlich gemacht werden.

Beim Von-Gerkan-gegen-Bahn-Fall lief das nun anders, und das Ergebnis ist erfreulich, weil selbst Kompromissbereitschaft eine Grenze hat. Hatte der Architekt die Kürzung der Gleishalle toleriert, so wollte er die weitere Verstümmelung und Verunstaltung nicht akzeptieren. Berlin verdient Perfektion, die man wahrnehmen kann.

Ist der Mensch aber in der Lage, bei einer solchen Komplexität die architektonische Perfektion wahrzunehmen? Wenn ja, dann nur unbewusst.

Viel bewusster nimmt man Kleinigkeiten wahr, wie zum Beispiel die Tatsache, dass dem Bahnhof eine Aussichtsplattform fehlt. Will man sich vor dem Bau fotografieren lassen, so mangelt es einfach an Tiefe. Um die Gesamtheit des Bahnhofs ins Suchfeld einer Kompaktkamera zu kriegen, muss man die Straße überqueren – doch da behindert ein grauer Würfel den Blick.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%