Tumminellis Designkritik
Citroën-Logo: Göttliche Kreation

Mehrfach war er schon pleite, nun meldet sich der französische Autobauer Citroën zurück. Die kreativste aller Automarken ist aus ihrem jahrelangen Tiefschlaf aufgewacht und feiert nun mit einem Markenrelaunch ihre 90 Jahre alte Firmengeschichte.
  • 0

Nach und nach erwacht Citroën aus einem langen tiefen Schlaf. Gut ein Vierteljahrhundert war der extravagante Nonkonformist innerhalb des PSA-Konzerns wie betäubt. Zum zweiten Mal ist die kreativste aller Automobilmarken Mitte der 70er-Jahre pleitegegangen. Bis zum Anfang dieses Jahrhunderts war Citroën dann wie eine lebendig tote Marke.

Bereits vor dem Krieg musste Michelin den Retter spielen. Der Reifenhändler hatte Citroëns teure Leuchtwerbung auf dem Eiffel-Turm ausgeschaltet, den erfinderischen Geist aber nicht gekappt: Der 7CV – als schwarze „Gangster-Limousine“ ein Sinnbild des Vorkriegsfrankreichs – war der erste Serienwagen der Welt mit selbsttragender Karosserie, Vorderradantrieb und Einzelradaufhängung. Noch vor dem Krieg kam der „Döschewo“ – ein „Regenschirm auf Rädern“. Dann kam sie: die DS, die „Göttin“. Ihr Designer hasste Motoren, deshalb entwarf er sie mit langer Haube – ohne Frontgrill. Der neue Citroën stand für Noch-nie-da-Gewesenes, er erzeugte Hass oder Liebe.

Später wurde Citroën immer radikaler. 1968 kamen der Mehari – eine automobile Pop-Art aus buntem Kunststoff – und der GS, die erste Serienlimousine mit aerodynamischem Fließheck. Und es kam die SM, „Ihre Majestät“. Ein luxuriöses, futuristisches Coupé mit Raumschiff-Aerodynamik und Maserati-Motor, denn damals gehörte Maserati den Franzosen. Eklektischer und kreativer kann man sich Citroëns Markenauftritt 1973 kaum vorstellen – jedoch lag zu dieser Zeit die Rentabilität bereits am Boden.

Als Erzrivale Peugeot Citroën 1975 übernimmt, ist „Schluss mit lustig“. Schritt für Schritt werden die kostbaren technischen Besonderheiten abgeschafft, das Design wird bis zur Nichtwiedererkennung banalisiert.

Das änderte sich erst 2000 mit dem neuen Chefdesigner Jean-Pierre Ploué: Er bekam Budget und gestalterische Freiheit. Seine Schöpfungen überzeugen, Citroën gilt längst als Shooting Star unter den Automobilmarken. Nun kommt ein Markenrelaunch hinzu – ein neues Logo und ein „gebrauchter“ Claim.

Zum neuen Logo nur so viel: Citroëns Markenzeichen, eine Stilisierung der doppelten Chevron-Verzahnung, mit der das Geschäft begann, blieb seit 1904 nahezu unverändert. Bei der Ästhetik hat man sich an Audi orientiert. Mit dem nun frei schwebenden, in Chrom glänzenden Symbol korrespondiert eine unten liegende rote Wortmarke. „Créative Technologie“ lautet die Botschaft, die platt mit „Vorsprung durch Technik“ übersetzt werden könnte. Allerdings hat Création im Französischen mehr mit Gott als Schöpfer zu tun. Ob es Citroën gelingt, mit Spitzentechnologie aufzuerstehen, muss sich jedoch erst noch zeigen.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%