Tumminellis Designkritik
Colanis zweiter Absatz

Designermode ist in. Diesem Trend folgte nun auch der schwäbische Schuhhersteller Bär. Er beauftragte den Altmeister des Designs, Luigi Colani. Das Ergebnis ist – milde ausgedrückt – eigenartig.

Es ist still geworden um Lutz „Luigi“ Colani, den in Berlin geborenen, Italoschweizer Altmeister. Richtig geliebt wurde der vielseitige Außenseiter in der deutschen Designszene nie: zu eigenwillig seine Philosophie, zu extravagant seine Formsprache, zu auffällig sein Verhalten. „I am the greatest“, so sein bescheidenes Motto. Genau deswegen liebten ihn die Medien, machten ihn zu einer Zeit berühmt, in der das Publikum noch nichts mit dem Wort „Designer“ anzufangen wusste.

Egal, was man von dem Menschen Colani hält, dem Ingenieur Colani – dem studierten Aerodynamiker – gebührt eine Anerkennung als Vater des Bionik-Designs, einer erst seit wenigen Jahren gehypten Disziplin, die von der Natur lernt, wie Form und Funktion von Gegenständen – ob von Fotokamera, Motorrad oder LKW – optimiert werden können.

Colanis Interpretationen waren stets provokant. Und obwohl Colani damit zum Popstar wurde, richtig gut verkauften sich seine Produkte nie. Sind Colanis Schöpfungen zu „designig“ für das große Publikum? Obwohl man von ihm kaum mehr hört, ist Colani ein Synonym für „das Design“.

Kein Wunder, dass ausgerechnet eine Firma aus der deutschen Provinz den 79-jährigen „Professor Colani“ um ein schickes Schuhdesign ersucht, das den strategischen Wandel vom Bequem- zum Designerschuh ermöglichen soll.

Wer jetzt lächelt, sollte wissen, dass Colani auf diesem Gebiet sogar Erfahrung vorweisen kann: Er erfand 1954 den „Mittelabsatz“, der von Dior übernommen wurde und der dem Berliner damals einen Nebenjob als Schuhdesigner in Paris einbrachte. Was 50 Jahre später herauskommt, ist eine Kollektion von sexy Bequemschuhen für Damen und Herren. Der aerodynamisch geformte Absatz gibt ihnen den besonderen Kick und verleiht ihnen gleichzeitig eine orthopädische Korrektheit.

Alles klingt bestens, die Grundstrategie wirkt rührend. Der Schuh kommt jedoch in einem Preissegment, zwischen 170 und 199 Euro, in dem es selbst der Erfolgsmaschine Puma nicht gelungen ist, eine von Philippe Starck entworfene Schuhkollektion dauerhaft zu etablieren. Vielleicht könnte man die Alten der Provinz damit wunderbar erreichen. Ein „gangbarer Kompromiss“, so beschreibt Bär das Ergebnis der Kooperation. Ich sehe da eher schwarz: Kompromisse wurden nie ein Markterfolg.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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