Tumminellis Designkritik
Das Achtzylinder-Handy

Nach dem gigantischen Erfolg des berühmten Razr verlor Motorola rasch Marktanteile. Mit der Neuauflage will der amerikanische Konzern das verlorene Feld zurückgewinnen. Ein nahezu unmögliches Unterfangen.

Eine häufig gestellte Frage lautet, ob man durch Spitzendesign einen Welterfolg sicherstellen kann. Die Antwort ist nicht einfach. Mit Mainstream-Design kann man zwar einen schweren Flop vermeiden – dies nennt man dann eine konservative Strategie beziehungsweise fehlenden Mut. Mutiges Design kann zum Erfolg verhelfen, muss aber nicht. Eine Designinnovation kann genauso abgelehnt werden wie auf globale Zustimmung stoßen. Entscheidend dabei ist, die Marktdynamik richtig einzuschätzen.

Heute pflegt das Marketing jegliche Antizipation vorwegzunehmen. Produkte müssen sofort gefallen, eine lange Gewöhnungszeit gilt schon fast als Flop. Mutige Unternehmer wissen aber auch, dass es sich durchaus lohnt, geduldig zu sein. Selbst der iPod war 2001/2002 ein Ladenhüter – zu simpel und dabei viel zu teuer –, nicht einmal Apple-Fans waren überzeugt. Steve Jobs blieb stur, pflegte das Produkt und ließ es zur Welterfolgsgeschichte werden.

2004 erschien das Razr, dessen schmuckes Design Motorolas Marktanteil über Nacht verdoppelte – über 50 Millionen Stück wurden weltweit abgesetzt. Hut ab vor den Motorola-Designern: Plötzlich wollte jeder das ultraflache, ultracoole Klappgerät mit Metalllook besitzen – wie plötzlich und nicht zufällig eine dazu passende ultraenge Jeanshose. Solch eine kollektive Besessenheit besitzt schon die Dynamik einer viralen Infektion.

Doch so, wie man anfänglich die Dimension des Erfolgs nicht vorhersehen kann, so kann man auch den Untergang leider nicht verhindern. Zwar sind zwei Jahre Lebenszeit für die Branche fast phänomenal, binnen eines Quartals ist Motorola nun aber der Markt weggebrochen.

Früher fest bei stabilen Business-Kunden angesiedelt, ist die Moto-Marke mit dem Razr – dank der gelungenen Markenauffrischung – auch mit jüngeren, modebewussten Leuten in Berührung gekommen. Eine phantastische, geradezu Handy-gierige Gruppe, die genau so sexy und cool ist wie markenlaunisch und stilistisch unvorhersehbar.

Kann man die verlorene Gruppe zurückerobern? Die Antwort ist: ja! Doch eine weitere Frage ist: Womit? Sicherlich nicht mit einem Remake – egal, wie gut es ist.

Das Motorazr V8 ist ein schickes Handy. Es ist ein bis ins Detail reifes Produkt, dem man eine gute Zukunft wünschen kann. Es ist flacher und leistungsfähiger geworden als sein Vorgänger. Es glänzt möglicherweise zu viel und ist formell etwas zu unscharf – weiblich – geworden. Die rasante Erfolgsgeschichte des Razrs kann man damit aber nicht toppen. Dafür braucht man den Mut, wieder viel zu riskieren und etwas völlig Neues zu machen.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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