Tumminellis Designkritik
Der Volvo rockt

Ein neuer V70 Kombi für die Volvo-Familie. Der Autobauer experimentierte erstmals mit einem neuartigen Design. Das Ergebnis ist theatralisch: vorne Komödie, hinten Tragödie. Gerade die Heckseite offenbart einige gravierende Mängel im Design.

Kollege Lutz Fügener von der Fachhochschule Pforzheim – Deutschlands erster Adresse für Automobildesign – plädiert für eine „neue, überfällige Epoche der Gestaltung von Automobilen“. Er kritisiert in dem Zusammenhang zu Recht die unsichere, konservative Mode des Retro. Bravo! Das Designunwort sollte sogar ganz abgeschafft werden.

Wenn es darum geht, der tragischen Romantik des gegenwärtigen Automobildesigns ein würdiges Ende zu bereiten, dann bin ich ganz auf seiner Seite. Aber wir stehen möglicherweise allein da. Von wegen „Umweltprobleme und Energiepreise“. Eine jüngst von Studenten der Kölner School of Design durchgeführte Umfrage bestätigt, dass Automobilfahrerinnen und -fahrer immer noch höchst romantisch träumen, und zwar am häufigsten von einem Roadster: die Kölner von seiner antiken Morgan-Version und die Düsseldorfer von seiner neuklassischen Aston-Martin-Interpretation.

Die Frage ist, wer uns – die Konsumenten – wann in die gewünschte neue Welt führen wird. Wie können sich die marketing-, also umfragegesteuerten Hersteller aus der Retro-Falle befreien, wie wir hoffen? Möglicherweise nur, indem zumindest einer versucht, anders zu denken und zu agieren als die anderen. Eine geradezu nahe liegende Idee, wie sie jedem Manager-Ratgeber zu entnehmen wäre. Aber welches Führungsgremium hat schon Lust, einen kommoden Stuhl zu riskieren?

Vielleicht gelingt dies nur, wenn zumindest eine Regierung die notwendigen Gesetze erlässt, die zur Erneuerung zwingen. Aber welcher große und bedeutende Staat hat schon keine große und bedeutende Automobilindustrie, die es zu schützen gilt?

Möglicherweise müsste man jene Automobildesigner hervorheben, die nicht der Kategorie Romantiker und Träumer zuzuordnen sind. Diese sind aber, meiner Erkenntnis nach, in noch nicht ausreichender Zahl vorhanden. Es wäre dann eine Frage der Führung und des Vorbilds. Beides scheint mir zu fehlen in der heutigen genau so mächtigen wie fragilen Automobilindustrie.

Und dies bringt uns kritikgerecht zum heutigen Volvo V70 Kombi. Mit Verständnis für alle technischen Gründe, die zu dessen Formgebung gezwungen haben mögen. Von vorne ist zwar noch alles in Ordnung, gen hinten schauen wir aber auf eine Lifestyle-Tragödie, die in einem neugotischen Mord endet. Ich bin kein Heckklappenfetischist, aber hier besteht eine absolute Divergenz zwischen Inhalt, Funktion und Ästhetik. Beim Versuch, noch ein bisschen dynamischer zu gestalten, verwechseln die Schweden Rock mit Barock.

Das, was man uns zeigt, wurde als neu gedacht und wird als neu kommuniziert. Dann ist mir Retro doch lieber. Denn es gibt auch andere, noch unentdeckte, Formen des Retros. Die coolen 80er zum Beispiel, eigentlich die besten Jahrgänge des Designs. Gerade Volvo sollte es noch wissen. Volvo, der sichtbar sichere Wagen, zu dessen Werbung damals auf schwarz-weißen Anzeigen Schädel gezeigt wurden, als aufklärende Warnung. Ja, der Volvo-Kombi, die supertolle Kiste (frei nach der Panda-Werbung), der ewige Kinder-Tresor für die Straße, der intelligente, quadratisch-praktisch-gute. So was würde man gern (wieder) sehen.

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