Tumminellis Designkritik
Design-Ur-Zeit

Wem das Gestalten von unauffälligen Armbanduhren zu simpel ist, der efindet lieber eine neue Darstellung für die Uhrzeit. Neolog versucht beides.

In der Designkritik einer Armbanduhr ließe sich das Urteil stets auf ein Wort komprimieren: überflüssig. Uhren kauft und trägt man lediglich aus emotionalen Gründen. Lieber sammelt und zeigt man sie, wie einst Briefmarken und später Kunst. Anspruchvolle „Grande Complication“ und massenlimitierte McDonald's-Editionen bilden die Gegenpole einer Branche, die ihre Kernkompetenz und zum Teil ihren Existenzgrund verloren hat und in lauter Dekadenz glänzt.

Was hat alles mit Design zu tun? Eigentlich nichts, weil es kluge Designer verstanden haben, die Anzeige in alltägliche Geräten zu integrieren und die Zeit zum kollektiven, kostenlosen Gut zu machen. Aber Design kann man auch anders verstehen. Dann ist eben „Design“ eine besondere Kunst, Gegenstände und deren Besitz so zu gestalten, dass diese einen eindeutigen Stil definieren, den so genannten Lifestyle. – Vorgefertigte Lebenskonditionen, die zum einen zur Abstraktion aus der Hässlichkeit und den Kontradiktionen des reellen Lebens, zum anderem zu einer standardisierten Individualisierung des Menschen führen sollten.

Die Erreichung des perfekten Design-Lifestyles erfordert viel Disziplin, so dass man diesen lediglich in der Scheinwelt vieler Designbücher und Werbemotive verwirklichen kann. Um diesen Wunsch zu erfüllen, prosperiert die Branche des „Design“. Objekte, die von Designer für Designer entworfen, von Design-Institutionen mit Design-Preisen ausgezeichnet, von Designmagazinen gelobt werden, bevor sie ins Museum, oder dessen Shop, landen.

Dass Design heute so hoch im Trend liegt, halten viele für eine gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass es sich dabei gar nicht um wahres Design handelt, sondern nur um eine der vielen möglichen Ästhetisierungsformen, die es heute zulässt.

Danach sieht Schwarz-Chrom-Matt-Leder-Stahl-Rund-Eckig ziemlich „cool“ aus. Wie bei der Neolog A-24 II, einer neuen, deutschen, ausgezeichneten Design-Uhr, die nicht deswegen interessant ist, weil sie der herrschenden Design-Ästhetik folgt, sondern weil sie es wagt, eine neue, patentierte Art der Uhrzeitanzeige zu definieren.

Um das Leben der Menschen zu vereinfachen (!) muss diese sogar gelernt werden: Auf drei Balken wird die Zeit als Menge abgebildet. „Keine Zeiger, keine Ziffern, einfach nur die Zeit wird gezeigt“ – was immer der Vorteil sein mag. Das klingt absurd – und Absurdität ist heute ein vortrefflicher Grund für den Kauf einer (neuen) Armbanduhr.

Paolo Tumminelli ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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