Tumminellis Designkritik
Ein globales Volkserlebnis

Während der WM-Pokal nach Italien zurückkehrt, kommt ein neuer Ferrari nach Deutschland. Beides hat mit Design zu tun.

Nobody – oder auch nothing – is perfect. Und trotzdem freut man sich über fast alles, zum Beispiel über die 2006er Weltmeisterschaft und ihr Ergebnis. Obwohl das Logo, besser gesagt die Gesichter der diesjährigen Fifa-WM in deren Gestaltungsqualität eher lächerlich als lächelnd waren, hätten die Rahmenbedingungen für die Spiele nicht besser sein können. Die Deutschen entdeckten sogar ihre Nationalflagge wieder und blieben dabei allesamt gut und brav, so sichtbar glücklich wie der allgegenwärtige Beckenbauer.

Vielleicht hätten die Deutschen den Sieg verdient, wie einige am Sonntag öffentlich verkündeten. Leider aber sind alle Spiele vom Zufall abhängig. Nach diesem, für die deutsche Mentalität noch ziemlich fremden Prinzip funktioniert die Sportwelt – und nicht nur die. Kleiner Trost: Die Italiener haben zwar gesiegt. Dafür mussten sie aber das dämlichste Trikot-Design der WM ertragen: mit eingebauten Ton-sur-Ton Achselschweißflecken.

Der beste Torwart der WM wurde gar in einen Kommuniongold-Finale-Anzug gekleidet, als ob er seinen Namen parodieren müsste: Buffon bedeutet auf venezianisch-italienisch Hofnarr. Die Herkunft der Azzurri-Ware, Marke Puma aus Schwaben, gibt keinen Hinweis auf den Designverantwortlichen, also betrachten wir das Ergebnis als misslungene deutsch-italienische Zusammenarbeit.

Der von einem italienischen Künstler entworfene Pokal – zumindest eine Kopie davon – kehrte also in sein Herkunftsland zurück, in das er in dieser heißen Sommersaison auch am besten passt. Schließlich sieht er wie eine Eistüte samt dicker 1-Millionen-Euro-Kugel aus: goldig – aber auch nicht schön. – Aber wozu braucht man Schönheit, beziehungsweise hätten ein besser gestaltetes Logo, elegantere Trikots und ein schönerer Pokal die WM perfekter gemacht? Nein, so mächtig kann Gestaltung alleine nicht sein. Ein gutes Designkonzept aber schon. Und das WM-Design war in seiner willkürlichen, skurrilen, biederen Mischung sehr gut – man kann fast sagen, perfekt konzipiert.

Das Erscheinungsbild stimmte mit dem Inhalt überein. Schließlich ist Fußball kein Elitenspiel, sondern ein globales Volkserlebnis. Nicht Cutting-Edge-Design, sondern bunt und volksnah muss es aussehen. Design follows people.

Gleiches gilt für den neuen Ferrari 599 GTB Fiorano. Absurd ist der Vergleich nicht. Das Rennpferd ist keine perfekte Zukunftsvision wie Pininfarina sie locker hätte entwerfen können. Der GTB ist auch keine reine italienische Schönheit, – zumindest weil sein leiblicher Vater, Pininfarinas werter Designdirektor, Ken Okuyama heißt und aus Japan stammt.

Der Gran-Turismo-Berlinetta ist vielmehr trotz seiner Unerreichbarkeit ein volksnahes, kulturübergreifendes Bildnis des allgegenwärtigen Ferrari-Images. Es mischt auf gekonnte Weise bekannte Designmerkmale Pininfarinas in einen sofort global schmeckenden Cocktail. Das Lustobjekt aus Italien kommt nun nach Deutschland mit acht PS mehr als ein Porsche Carrera GT. Ein kleines Dankeschön für die schöne WM und ein möglicher Beweis dafür, dass der Sieg wohl verdient war.

Paolo Tumminelli ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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