Tumminellis Designkritik
Eine eckige Sache

Der Roller-Hersteller Piaggio präsentiert die Neuauflage des „Special“-Modells aus den 70er-Jahren mit eckigem Scheinwerfer. Der Vorgänger war seiner Zeit ein Prestigeobjekt. Ein Versuch, die Vespa-Story Schritt für Schritt neu abzuspielen.

Das Spiel mit dem Lichtdesign funktioniert nach einfachen Regeln: Die Sonne ist rund – und auch das Auge. Also sind auch Gläser von Kameraobjektiven sowie sämtliche Scheinwerfer rund. Ebenso sind Automobilscheinwerfer gut 70 Jahre lang rund gewesen. Das hat die Entwicklung einer bemerkenswerten stilistischen Vielfalt nicht verhindern können: Das Gesicht von Automobil-Ikonen wie Citroën DS und Mini, Ferrari 250 SWB oder Rolls-Royce Silver Cloud, Jaguar XK oder Mercedes 300 SL ist trotz identischer runder Augen sehr individuell.

Dieser Trend war erst Ende der 60er zu Ende. Dann kam das Edge-Design, das mit der Keilform seinen Zenit erreichte. Plötzlich war Rundes Vergangenheit, eckig die Lösung. Das Rechteck symbolisierte den Sieg des technoiden Menschen über die Naturgesetze und die Befreiung der Jugend vom konservativen Stil der Eltern.

Für Piaggio, den weltgrößten Roller-Hersteller, stellte die Revolution jedoch ein Problem dar. Die runden Formen der selbsttragenden Stahlkarosserie der Vespa ließen sich unmöglich dem neuen Stil anpassen. Trotzdem wagte man die Modernisierung. 1972 kam die „50 Special“ mit eckigem Auge – stilistisch ein etwas barocker, kaum gelungener Hybrid. Mit größeren Rädern und einem Vierganggetriebe gab sie sich trotzdem ultramodern und wurde schnell zum Prestige-Symbol der Teenager. Bis 1983 beglückte sie ein Dutzend Generationen von Vierzehnjährigen, obwohl endlose Streiks die Wartezeiten zeitweise auf mehrere Monate verlängerten – was das Objekt zusätzlich begehrenswert machte.

Für die heute 40-Jährigen, die sich damals den Traum nicht erfüllen konnten, erscheint nun eine Neuauflage der Spezialversion. Auch sie besitzt ein eckiges Auge, das – wie beim Vorgänger – nicht ins Design passt. Heute, wo Scheinwerfer aller Formen, ob mit Augenringen oder Tränensäcken, vertreten sind, ruft dies nichts als romantische Gefühle hervor.

Genau betrachtet ist die Vespa heute nur Romantik: vom Markenwappen bis zum Scheinwerfer eine Mischung aus alldem, von dem man früher geträumt hat. Auf Ewigkeit träumt aber niemand. Nachdem 1996 die Vespa ET2 als modernisierte Neuauflage im Retro Design auf den Markt kam, sieht es so aus, als ob Piaggio die Erfolgsgeschichte der Vespa neu abspielen möchte. Zwar wurden über 16 Millionen Roller produziert, aber es hat auch Tiefen gegeben. Ein ähnliches Schicksal könnte Piaggios Chef Roberto Colaninno treffen. Schließlich heißt die Revolution heute nicht rund oder eckig, sondern LED.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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