Tumminellis Designkritik
Eine Nummer zu groß

Kurz nach der Markteinführung in Deutschland erhält die umstrittene Mercedes R-Klasse einen bekannten Designpreis. Grund genug zu Kritik.

Crossover nennt man jene Fahrzeuge, die Eigenschaften bekannter Automobiltypen auf neue, kreative Weise kombinieren. Wie Renaults Designchef Patrick le Quement kürzlich in Stuttgart erläuterte, ist das Prinzip Kreuzung so alt wie das Automobildesign. Beispielsweise war 1961 der Renault 4 bereits ein Crossover: Er vereinte den Komfort einer Limousine mit dem Raumkonzept eines Transporters, dazu war er durchaus geländetauglich.

So gesehen ist die R-Klasse von Mercedes, 2005 in den USA eingeführt und ab diesem Jahr auch in Europa erhältlich, nichts anderes als dessen Weiterentwicklung auf der Superskala. Das Konzept heißt „Grand Sports Tourer“ und repräsentiert mit 5,16 Meter Länge (bzw. 4,92 in der „kurzen“ Version), knapp zwei Meter Breite und einem Gewicht um 2,2 Tonnen (einschließlich Allradantrieb) so ziemlich das fetteste Automobil, das man sich zulegen kann.

Jetzt erhält diese Riesen-Klasse eine deutsche Designauszeichnung, die gerade gelegen kommt: Vor kurzem wurde darüber berichtet, dass das Auto sich in den USA erst bei einem Preisnachlass von 5 000 Dollar verkaufen lässt – außerdem gab es kleinere Rückrufaktionen.

Um die Auszeichnung zu verstehen, muss man wissen, was Designpreise wirklich sind. Mit sehr wenigen Ausnahmen handelt es sich dabei um kluge Marketinginitiativen von privatwirtschaftlich organisierten Design-Institutionen. Produkte sind kostenpflichtig anzumelden, eine Auszeichnung sowie die Nutzung der damit verbundenen Qualitätssiegel gelten nur gegen zusätzliche Gebühr. Egal wie kompetent die Jury besetzt ist, gepriesen wird also nicht immer das Beste vom Besten, sondern viel öfter das akzeptabelste unter jenen Dingen, die zur Auswahl stehen. Bei den Kriterien wundert oft die Abstraktion der Juroren von dem, was Designqualität wirklich ist. So spielen weder das Preis-Leistungsverhältnis noch die Marktakzeptanz eine Rolle bei der Bewertung. Sicherlich finden manche Designinnovationen erst spät die Anerkennung der Kundschaft – welche Rolle dabei die Auszeichnung gespielt hat, bleibt unerforscht.

Fraglich ist auf jeden Fall, wie es überhaupt möglich ist, in Zeiten, in denen gerade das Bewusstsein für Energieprobleme wächst, einen solchen Riesen auszuzeichnen. Aus mehr noch mehr zu machen, ist ja keine große Kunst. Man könnte meinen, bei der Entscheidung habe es sich um rein emotionale, gar stilistische Gründe, gehandelt.

Gegen persönlichen Geschmack will ich nicht argumentieren. Ich kann nur zwei Merkmale nennen, die meines Erachtens gegen eine Auszeichnung sprechen. Zu einem die manieristische, nostalgische, teure Art, Stilelemente zu kombinieren und diese in die Karosserieform zu integrieren – oder eben nicht zu integrieren, wie am Beispiel der willkürlichen, biederen Komposition von Leuchten, Leisten, Lufteinlässen und sonstigen Dekorteilchen in der Frontpartie. Zum anderen die täuschende Dachlinienführung, wobei die Designer die konzepteigene Sitzanordnung auf drei Reihen vergessen haben – und somit auch das Wohlgefühl der Insassen und die Verschlechterung der aktiven Sicherheit zugunsten eines sportlichen Aussehens. Ein brav-auffällig-originelles Auto, ganz im Stil des heutigen Mercedes-Benz-Designs, mag noch jemanden beeindrucken. Designpreiswürdig ist die R-Klasse deswegen längst noch nicht.

Paolo Tumminelli ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%