Tumminellis Designkritik
Eine teure Verpackung

Ob goldene Wasserhähne, diamantbestückte Handys oder Handtaschen aus Schlangenleder – Luxusartikel liegen voll im Trend. Für die Entwickler der Produkte gibt es keine Grenzen, wie Veuve Cliquots „Vertical Limit“ zeigt – ein Porsche-Kühlschrank für Champagnerflaschen.

Luxus zu definieren ist heute unnötig, denn es hat bereits viele treffende Versuche gegeben. Am wenigsten wird jedoch Bruno Munari, ein prägender Künstler, Gestalter und Designtheoretiker des 20. Jahrhunderts, zitiert. In den frühen 50er-Jahre, als Konsum im Sinne einer Lebensform gerade Gestalt annahm, veröffentlichte er ein Büchlein mit dem Titel „Le Macchine Inutili“. Darin enthalten sind provokante und zugleich sympathische Entwürfe für etliche nutzlose Maschinen, die niemand wirklich braucht – darunter eine „Schwanzwirbelmaschine für faule Hunde“.

In seinem Büchlein prophezeite Munari, dass man eines Tages Dinge kaufen würde, die man gar nicht braucht – und damit ist nicht Kunst gemeint. In „Da cosa nasce cosa“ („Aus etwas wird etwas“) beschrieb er später Luxus mit gekonntem Feinsinn als einen „Ausdruck ignoranten Reichtums, der dazu dient, jene Menschen zu beeindrucken, die arm geblieben sind“. Als Beispiel nennt er goldene Wasserhähne, aus denen verschmutztes Stadtwasser sprudelt, wo wahrer Luxus doch der Zugang zu reinem Bergwasser wäre.

Designtheoretiker haben leider von Marketing stets wenig verstanden, denn egal, welche Definition von Luxus man nehmen will, eines steht fest: Der Markt für Luxusartikel kennt keine Konjunktur. Heute besteht die große Herausforderung der Luxusmacher darin, jede denkbare Vernunft- oder Gemeinsinnsgrenze zu überschreiten, um damit das Interesse einer sichtlich zu Tode gelangweilten Käufergruppe zu wecken.

Dabei wird nun auch schlichtes Design – mit gut einem halben Jahrhundert Verspätung – im Kreis der Reichsten als Ausdruck von Luxus empfunden. Damit kommen wir zum „Vertical Limit“, dem Porsche-Kühlschrank, der von Veuve Clicquot, der Design-Champagnermarke des Luxuskonzerns LVMH, konzipiert wurde – und zwar mehr als ein Vermarktungs- und PR-Tool. Der imponierende Edelstahl-Monolith, der fast für ein Kunstwerk Donald Judds gehalten werden könnte, verbirgt hinter zwölf Einzelfächern genau zwölf Magnumflaschen, die aus je einem liebevoll ausgewählten Millésime zwischen 1955 und 1990 stammen.

Die Edeltropfen werden bei einer Temperatur von zwölf Grad im Vertical Limit genauso gut gelagert wie im Weinkeller. Nur eines dieser 15 in Österreich per Hand gefertigten Kunstwerke steht nun in Deutschland zum Verkauf – und zwar gefüllt – zum Preis von 50 000 Euro.

Das Angebot ist wirklich einmalig, denn viele der besagten Jahrgänge sind nirgendwo käuflich erwerbbar. Als teuerster Kühlschrank der Welt verdient das Gerät einen exponierten Platz im Museum. Ihn als Kunstobjekt und deswegen als Investition zu betrachten, wäre dennoch fehl am Platz. Er symbolisiert nichts anderes als die heutige Konsumdekadenz. Dem solventen Käufer bleibt also nur eine Möglichkeit, um den Erwerb dieser „Macchina Inutile“ nicht zu bereuen: Sämtliche Magnums in feierlicher Stimmung leeren und die teuerste Verpackung der Welt dann artgerecht entsorgen.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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