Tumminellis Designkritik
Geelys China-Rolls-Royce: Alles nur kopiert

Die Chinesen kopieren uns. Vom Smart bis zum heiligen Rolls-Royce, es gibt kaum ein Automodell, das nicht von chinesischen Newcomern kopiert worden sei. Das Reich der Mitte träumt von unserer automobilen Gesellschaft mit all ihren Mythen und Tragödien – und von unserem Design.
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Kopien von Toyota-Fahrzeugen gibt es mitterweile von verschiedenen Herstellern. BYD ist einer von ihnen – „Build Your Dreams“. Dass die restliche Welt eine Chance darin sieht, einen möglichst großen Teil des chinesischen Automarktes für sich zu gewinnen, ist genauso plausibel wie die Tatsache, dass die theoretisch größte Volkswirtschaft der Welt die Autos in eigener Regie bauen will.

Genauso ist es in Europa gewesen, als man nach dem Zweiten Weltkrieg vom amerikanischen „way of life“ träumte, so ist es in Japan gewesen, als man nach dem zweiten Ölkrieg die Eroberung der Automobilwelt versuchte. Man mag sich nicht daran erinnern wollen, aber es lohnt sich. Als 1947 Studebaker den Champion vorstellte, die erste moderne Ponton-Limousine mit Kofferraum, griffen die Europäer mit Gewalt zu. Zwei Jahre später hatten Rover und Alfa Romeo ihr Plagiat im Sortiment. Später kamen alle, von Fiat bis Mercedes-Benz.

Als 1954 Ford das „personal car“ Thunderbird präsentierte – einen Roadster mit hübschen Flossen –, träumten nicht nur die Stars davon, sondern auch das Volk. Die Auto Union, Audis Mutter, bot bald ein identisches Modell an, peinlicherweise auf halbe Größe reduziert.

Kein Auto wurde häufiger kopiert als der Corvair, die populäre GM-Klasse von 1959. Binnen drei Jahren führten Fiat, NSU und Simca ihre Kleinadaption im Sortiment. Dass die Japaner später mit ähnlicher Strategie amerikanische und europäische Designkonzepte übernahmen, erscheint lediglich als Kavaliersdelikt. Aus Ford Mustang wurde der Toyota Celica, aus Porsche 924 der Mazda RX-7, aus dem Lancia Megagamma wurde der Nissan Prairie.

Die Japaner waren anfangs weniger gut als schnell, sie wurden verspottet, nicht ernst genommen. Und in der Tat, erst in gut drei Jahrzehnten hat sich Japan von dem Räuberimage emanzipiert, spielt heute auf Weltniveau. Warum soll es in China anders laufen?

Die Chinesen träumen vom Reichtum. Und nichts symbolisiert Reichtum besser als ein Rolls-Royce. Sein Gesicht, übrigens vom Plagiat eines griechischen Tempels geprägt, ist ein weltbekanntes Vor-Bild.

Die soziale Funktion des Designs liegt darin, durch Vorbilder die Welt zu bewegen. Vorbilder zu setzen bedeutet, sie der Öffentlichkeit zu bieten und diese zu animieren, von deren Symbolik Gebrauch zu machen. Erst dann lebt Design, und erst recht dann erhält ein Vorbild seinen Wert.

Solange Konsumenten nicht direkt getäuscht werden, ist die Sache in Ordnung. Die lustige Geely-Kopie des Rolls-Royce kann nicht wirklich ernst genommen werden. Sie kann höchstens Markenignoranten im fernöstlichen Entenhausen beeindrucken. Manch ein Snob und Bentley-Sammler in Mayfair könnte sie als Provokation fahren. Die Kopie – wie alle anderen auch – birgt keine Gefahr. Man sollte sie tolerieren. Ein echtes Problem wird die restliche Industrie erst dann haben, wenn sich die Chinesen emanzipiert haben.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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