Tumminellis Designkritik
Gegen den Strom: Motorola Aura

Mit seinem Premium-Handy Aura wollte Motorola Mut beweisen und ein Produkt lancieren, das gegen den Strom schwimmt. Das Ergebnis ist ein Blickfang. Doch ein Mobiltelefon, das kein Handy sein möchte, sondern eine Luxus-Uhr, muss anders aussehen als ein iPhone.
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Stilvoll und stillos sind eigentlich Gegensätze – vorausgesetzt, man versteht etwas von Stil. Das ist durchaus nicht selbstverständlich. Dies betrifft sowohl Verhaltens- als auch Gestaltungsformen: Beide wurden mit der Akzeptanz einer pluralistischen, multikulturellen, weltoffenen Gesellschaft weggewischt. Jedes Individuum genießt heute das einst königliche Privileg, den eigenen Stil selbst bestimmen zu dürfen.

Ein Jahrhundert lang wurde darüber debattiert. Auf die Barrikaden ging zunächst die intellektuelle Avantgarde, mit ihr begann um 1900 der Befreiungsprozess. Dieser endete zunächst in der Festlegung eines modernen „Ideal-Standards“. Nach 1968 erkämpfte sich schließlich auch das breitere Pop-Volk die Freiheit, den eigenen Lebensstil zu prägen. Von der Frisur bis zum getunten Auto: Auf Louis XIV. folgten die Max Mustermanns dieser Welt – der „Individual-Standard“.

Um den Traum zu vervollständigen, fehlte jedoch das passende Material. Daher begann das Marketing in den 80er-Jahren, Nischen herauszuschneiden, Zielgruppen zu untersuchen, Produkte strategisch zu gestalten – und zwar in Hülle und Fülle. Der Stil war tot, es lebten die Trends, so kurzlebig wie überhaupt vom Markt noch wahrnehmbar und genießbar.

Die Situation ist paradox und doch verständlich. Wurden Stile abgeschafft, um den Menschen mehr gestalterische Freiheit zu geben, rücken jene Menschen – von ebenjener Komplexität überfordert – wieder zusammen und einigen sich auf den ersten kleinsten gemeinsamen Nenner. So einfach dies sein mag, die Lösung ist schwierig. Allein die Industrie kümmert sich heute um die Konsumentenbildung. Ausgerechnet jene Industrie, die in ihrer Planung Konsumentengeschmack berücksichtigen zu müssen meint. Es entsteht eine Strudeldynamik der stilvollen Stillosigkeit, wie Motorolas letztes Premium-Handy zeigt. Man bewundert den Mut, ein Produkt zu lancieren, das gegen den Strom schwimmt.

Ein Handy, das kein Handy sein möchte, sondern eine Luxus-Uhr, muss ganz anders aussehen als ein iPhone: Das Dreh-Gehäuse besteht aus schwerem Metall und vermittelt das Gefühl hoher mechanischer Qualität.

Ein rundes Digitalzifferblatt unter Saphirglas ersetzt das allgegenwärtige Display. Im Standby-Modus ist die schimmernde Uhr ein Blickfang – im Betrieb das Interface eine Qual, zumindest so lange es keine Bilder, Texte und Websites im Rundformat gibt. Das Technologische spielt eine untergeordnete Rolle, denn das Objekt erklärt sich als zeitlos-klassische Kunst. Es verbindet Spätbarockes (das Zifferblatt), Neoklassizistisches (die ovale Grundform), Modernes (poliertes Edelstahl) und Art déco (das Wellenmotiv) in einer Retrotech-Mischung mit eindeutig weiblichem Charakter. Trotz seiner Diversität ist Aura absolut zeitgenössisch: stilvoll und stillos zu gleich.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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