Tumminellis Designkritik
Gorgeous Life

Design kann die Menschen glücklich machen. Doch zu viel Design tut auf Dauer niemanden gut. Zum Jahreswechsel ein Plädoyer, die Wahrnehmungsfähigkeit der Menschen nicht über Gebühr zu strapazieren.

Langeweile wird gerne zur Krankheit des Millenniums erklärt. Unternehmen und Medien scheinen sich große Sorgen um die Konsumenten zu machen. Haben sie genug zu essen, genug zu spielen? Oder wird es ihnen gerade langweilig?

Um die Gänse im Périgord kümmert sich kaum jemand, wobei deren Leben zunächst gar nicht schlecht aussieht: Die Landschaft ist bezaubernd, das Wetter angenehm, die Gesellschaft zahlreich. Dafür müssen die sympathischen Tiere ständig tanzen und werden permanent gefüttert, damit sie gutes Foie Gras für die gehobene Gesellschaft produzieren. Bei so viel Stress ist es ihnen gewiss nicht langweilig. Aber sind sie glücklich?

Mit den Menschen ist es ähnlich: Das Lifestyle-Konzept bietet eine zuvor ungeahnte Vielfalt an Unterhaltungsformen und Gastronomieerlebnissen. Aber das Leben ist alles andere als einfach geworden, so dass selbst mancher moderne Performer sich langsam ein wenig inhaltliche Ruhe – nicht bloß Wellness – wünscht.

Welch schreckliche Vorstellung für den Kommerz: Es klingt, als könne der Mensch sich künftig mit sich selbst zufrieden geben, wie durch die Entwicklungstheorie von Abraham Maslow vorgesehen. Doch die Spielmacher rufen: Hört man auf zu spielen, könnte es langweilig werden – und gegen Konsumlangeweile gibt es zum Glück ein Wundermittel: Design.

Design erregt die Sinne – in welcher Form auch immer, Erregung schafft gute Laune und stimuliert die Kauflust. Weg mit der Langeweile, her mit dem Glück. Das ist Design letztlich geworden: Viagra für die Produzenten, Prozac für die Konsumenten. Bislang hat sich die Kur gelohnt, gerne hat man zugekauft. Nun, ein Status der Dauererregung ist ungesund und unvereinbar mit einem normalen Leben. Und nicht nur das: Selbst die Wirkung des besten Wundermittels lässt auf Dauer nach.

Irgendwann ist dann das Stadium erreicht, wo das Medikament zum wahren Krankheitserreger wird. Heute hat Design dieses Stadium erreicht. Wobei man gleich die Zunft der Designer verteidigen muss: Design an sich ist nicht schädlich. Lediglich Anwendung und Dosierung des heutigen Designs sind aus dem Ruder geraten.

Einmal wieder stellt die Automobilindustrie ein gutes Beispiel dar. Erstaunliche 57 Marken, 385 Modellreihen, über 4 000 verschiedene Modelle suchen heute in Deutschland einen Kunden. Einfacher wird es nicht: Über 100 Neuheiten sind für 2007 geplant. Bis 2008 sollen sechs neue Audi, bis 2009 26 Renault, bis 2011 20 Volkswagen kommen; von 50 neuen Daimler-Chrysler in drei Jahren ist die Rede – ein Bazar!

Eine derartige Innovationsrate hilft niemandem. Das Angebot überfordert die Wahrnehmungsfähigkeiten der Menschen – sie werden unsicher, unglücklich und vorsichtig. Und es gefährdet die Gesundheit des gesamten Systems: Die Strategie der Vervielfältigung wird riskanter – der Markt wird kaum wachsen, dafür die Floprate. Nicht mehr braucht der Mensch, sondern weniger und dafür besseres Design. Ein gutes Neues Jahr!

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Design-Professor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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