Tumminellis Designkritik
Grande Corsa

Der neue Corsa ist für Opel ein strategisch wichtiges Modell. Eine Neuheit ist er jedoch nicht, basiert er doch auf der GM-Plattform des Fiat Grande Punto.

General Motors – „allgemeine Motoren“ – ist ein Markenname, der vieles verrät. Als erster und größter Automobilkonzern der Welt hat GM stets gewusst, wie man Bauteile in beliebig viele Marken- und Modellvarianten zum eigenen Profit kombinieren kann. Die vom Präsidenten Alfred P. Sloan Mitte der 1920er formulierte und vom Designchef Harley Earl konsequent umgesetzte Vision der „dynamic economics“ ist mit ein Grund für den Erfolg des US-Riesen, frei nach dem Motto „Wenn die Oberfläche stimmt, will niemand etwas über den Inhalt wissen“.

Das war früher. Heute braucht der Kunde bei über 50 Marken und 400 Modellreihen greifbare Unterschiede und nennbare Vorteile, um eine Kaufentscheidung zu treffen. Aus Unternehmensphilosophien sind austauschbare Marken- und Modellpositionierungen geworden, die keinem helfen – kurzfristig dem Kunden nicht und langfristig der Industrie nicht.

Jüngstes Beispiel: der Grande Punto und der Corsa –beide ein Resultat der gescheiterten GM-Fiat-Ehe. Die einstigen und jetzigen Wettbewerber kämpfen nun mit einem technisch nahezu identischen Auto auf demselben Markt: Der letztes Jahr als Fiat-Retter erfolgreich eingeführte Grande Punto und der lange erwartete und frisch in London gefeierte neue Corsa teilen sich Konzept, Fahrwerk, einige Motoren und sämtliche Bauteile. Bei vergleichbaren Preisen geht es also nur um die Marke und das Design.

Von Giugiaro gekonnt gestaltet, ist der Grande Punto der erste neue Fiat seit Jahren, bei dem man Charakter erkennen kann. Der Designer übertrug dem größeren Punto ein Gesicht im Stil des rassigen Maserati GT, den er zumindest ebenfalls eigenhändig entworfen hat. Der Grande Punto vereint mit Sinn und Sinnlichkeit ein gewisses italienisches Sexappeal und eine rationalistische Stringenz der Linien, die dem Auge schmeichelt.

Der Corsa dagegen schließt nach unten den Kreis der Modellerneuerungen von Opel und tut nichts anderes, als einen erlernten Markenlook zu wiederholen. Seine auffällige Dynamik ist heute so allgegenwärtig, dass man – wenn man das Auge halb schließt – in seinem Gesicht sogar Mercedes-Züge erkennen kann. Beim Verkauf wird dies jedoch wenig helfen. Der Grande Punto wird im Süden punkten, bei Auswanderern und Vertretern der Latte-Macchiato-Fraktion. Der Corsa wird Dank Opel-Badge im Norden erfolgreicher sein. Womöglich reicht das GM, ich finde es schade.

Paolo Tumminelli ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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