Tumminellis Designkritik
Hadid wohnen

Die irakische Star-Architektin Zaha Hadid entwirft in der Schweiz ihr erstes Wohnhaus. Ihr wunderbar gefälliges Quasi-Luxusobjekt ist exklusiv und populär gleichzeitig und könnte das erste einer Reihe von modernen Design-Reihenhäusern sein.
  • 0

Das Haus wird zum alleinstehenden Gegenstand. Zum Designobjekt. Zum Konsumgut. Auch darum ging es in dem Streit um die Baubewilligung des ersten Wohnhauses der irakischen Architektin Zaha Hadid. Um die Idee, dass ein Stück Schweizer Goldküste durch ein markantes Architekturstück medienwirksam verkauft wird. Und zwar höchstwahrscheinlich an Ausländer, denn die Publizität um das Haus und dessen bekannt exorbitanter Preis passen nicht ins bescheidene Bild der reichen Schweizer Bürger. Die Vermutung ist, dass der Skandal gewollt ist, um ebenjene Werbeeffekte zu erzielen, die für eine künftige Ausschöpfung des Geschäftsmodells hilfreich wären. Denn Hadids Haus könnte überall rumstehen. Ein nahezu typisiertes, im Stil wiedererkennbares Produkt. Eine Markenarchitektur von der Stange.

Es ist eine neue Dimension der Populuxe-Ethik, welche die US-amerikanischen Boom-Jahre prägte. Ausgerechnet die Erfindung von Suburbia, den Wohnsiedlungen am Rande der Städte, brachte die Industrialisierung des Immobilienmarkts. William J. Levitt baute zwischen 1947 und 1951 die erste von vier Levittowns. Die ersten 2 000 Häuser gingen weg wie warme Semmeln, weitere 2 000 wurden sofort gebaut, im Stil alle gleich. Cape-Cod-Design, ein einfacher, flacher Holz-Bungalow im Kolonialstil avancierte zum Klassiker. Ab 7 990 Dollar war es zu haben, kaum mehr als der Preis für zwei Cadillacs. Schnell wie der Stil von General Motors entwickelte sich das Hausdesign in jenen Jahren.

In Europa verlief das Wohnhausgeschäft um einiges ruhiger: Zu hohe Grundstückpreise, eine weniger dynamische Gesellschaft und eine gewisse Romantik machten den Eigenhausbau zur Lebensaufgabe. "My house is my castle", ganz nach dem persönlichen, wenn auch oft sehr diskutablen Geschmack. Denn wohlhabend bedeutet nicht unbedingt geschmackvoll. So begründet sich das Geschäftsmodell der Designhäuser. Geschmackssicheres Fertigwohnen wird angeboten, alles inklusive. Die Preise liegen zwar auf Luxusniveau, doch das Vermarktungskonzept folgt populären Convenience-Regeln. So erkennt man in Hadids Wohnhaus nur eine Oberfläche von Luxus. Konzipiert wurde es tatsächlich als Reihenhaus, wobei jede Haushälfte einen zweistelligen Millionenbetrag kosten soll: ein Luxus, den man sich teilen darf. Exklusiv und populär gleichzeitig - und somit widersprüchlich.

Zumindest fühlt man sich in der Entscheidung nicht allein. Doch vom geselligen Beisammensein, vom Kampf zwischen den Joneses um den grüneren Rasen ist keine Rede: Eine dicke Wand trennt Reich vom Reichen. Und einen echten Garten gibt es nicht, nur ein schlichtes Beetchen. Rasenmähen hat sich demnach beim modernen Lifestyle-Haus erledigt - genauso uncool wie unökonomisch. Hadids Design ist wunderbar gefällig, doch eine solche Aktion hat Nebenwirkungen: Nachdem Architektur bereits im öffentlichen Bereich Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat - als Blickfang für Schaulustige - endet mit Hadids Haus definitiv die Ära der Wohnarchitektur. Es lebe nun der globale Markt für Hausdesign. Fahren Sie noch Cadillac? Ich wohne schon Hadid.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%