Tumminellis Designkritik
Heiliger Schein

Die Flachbildschirm-Technologie hat den Menschen von unnötigem Ballast befreit und gehört deswegen mit zu den wichtigsten Hardware-Innovationen des Jahrhunderts. Für markenbewusste Firmen stellt sie jedoch ein Problem dar. Denn am schönsten ist ein Flachbildschirm dann, wenn er nach nichts aussieht. Hier hat sich Philips etwas Besonderes einfallen lassen.

Eine unsichtbare Fläche, nahtlos in die Wand integriert, drahtlos mit sämtlichen anderen Gerätschaften verbunden, das wäre die denkbare Vollendung eines evolutionären Prozesses und die Freude eines jeden Innenarchitekten. So ein magisches Spielzeug wäre ebenfalls zweifellos stets ein Anlass zur Freude und Bewunderung für Gastgeber und Gäste. Von Bedeutung wäre dann lediglich, wie von manchen Anbietern früh erkannt, das Design der Fernbedienung.

Die Realität bei Saturn sieht dennoch anders aus, denn die Flat-Screen-Technologie hat einen neuen Wettkampf initiiert. Nur kurze Zeit reichte es aus, einen schwarzen Rahmen um den Bildschirm zu kleben – was ja die logische und formell einfachste Designlösung ist. Bald kamen die ersten Abrundungen, die Wellen, die Spitzen und die sonstigen Kürvchen, die als Ausdruck einer Markensprache, gar eines Lifestyles gemeint waren.

Dann tauchten die Farben wieder auf – zuletzt natürlich und vor allem Weiß, denn Farben sind immer gut, um Trendbahnen zu schaffen, um sie dann später zu verlassen. Die Branche wollte ihre alten Spielregeln nicht verändern. Auch früher gab es nur ein paar Hauptlieferanten von Hardware, die für einen Leistungsgleichstand sorgten. Deswegen spielte damals der qualitative Eindruck des Möbelgehäuses, aus schönem Holz, eine Löwenrolle im Entscheidungsprozess. Auch heute wird, obwohl das Produkt gar kein Gehäuse mehr nötig hat, eines erfunden, mit dessen Details man um die Designführerschaft kämpft.

Philips hat sich hier etwas Besonderes einfallen lassen. Mit „Aurea“ bringen die Holländer als neueste Entwicklung der Ambilight-Familie ein Gerät auf den Markt, das jenseits jeglicher Bewertung der Optik, für ein Fernseherlebnis sorgt, wie man es nur aus dem Kinosaal kennt. Eine doppelte LED-Lichtquelle, frontal und rückseitig angebracht, nimmt die Licht- und Farbsignale des laufenden Fernsehbilds auf und verteilt sie in den Raum.

Egal, ob es sich um die Tagesschau oder um einen Dokumentarfilm von „National Geographic“ handelt, der Zuschauer wird vom Bild umhüllt. – Was aber noch wichtiger ist: Dessen Auge wird auf Dauer geschont. Die Lichtwirkung ist zwar höher, die Kontraste sind dafür sanfter, und die Wahrnehmung ist inhaltsreicher und freundlicher. Hört sich wie Werbung an – ich weiß –, aber trotzdem stimmt es.

Nun ja, der goldene „Aurea“ (Preis um 4 000 Euro bei 42 Zoll) ist leider Gottes immer noch weit vom Vorbild der Unsichtbarkeit entfernt. Dafür ist jedes sonst sichtbare Teil des Gehäuses aus lichttechnischen und nicht ästhetischen Gründen vorhanden. Die Ästhetik hat hier sehr viel mit dem Seherlebnis zu tun: Wo andere Geräte in der Dunkelheit verschwinden, weckt der „Aurea“ den Raum – und den Zuschauer – zu neuem Leben.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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