Tumminellis Designkritik
iCarta: Disco auf dem Klo

So hübsch der ästhetisierte Alltag der Lifestyle-Gesellschaft sein mag: Es gibt Geräusche, die kann man kaum vermeiden, geschweige denn schöner gestalten. Ein Klopapier-Halter mit integrierter Stereoanlage für den iPod oder das iPhone soll das nun ändern.
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Die Toilette immer mehr zum Designobjekt. Der frühere Abort wird so prächtig und aufwendig gestaltet, dass man ihn offen zur Schau stellt. So wird, nachdem man jahrzehntelang über Sinn und Unsinn der offenen Küche diskutiert hat, die offene Toilette zelebriert. Zu erleben in vielen der modernsten 5-Sterne-Hotels.

Und auch in einigen Privatresidenzen bietet das Duschen oder Baden im Freien inzwischen einige interessante Anreize für eine Wellness-basierte Erotik. Wenn aber – wie immer mehr der Fall – auch die Wand zum WC entfällt, dann kann der erotische Mehrwert schnell verloren gehen.

Selbst der schönste Mensch sieht, auf dem Klo sitzend, ziemlich blöd aus. Vor allem aber, selbst der schönste Mensch hört sich, auf dem Klo sitzend, ziemlich blöd an. Das können weder Türen noch Wände verhindern, sie können es aber zumindest kaschieren.

In einer italienischen Komödie ärgert sich ein Barbesitzer über Kunden, die – wie so oft der Fall – nur hereinkommen, um die Toilette zu benutzen. Bei einem hochnäsigen Paar, dauert der Aufenthalt länger. Der lustige Wirt spielt deshalb über die Stereoanlage laute Stuhlgang-Geräusche ab, bis der wartende Partner vor lauter Peinlichkeit – wenn nicht schon aus der Liebesbeziehung – aus der Bar flüchtet.

In Japan haben Firmen längst einen Weg gefunden, um aus dieser peinlichen Situation Kapital zu schlagen. High-Tech-Kloanlagen von Toto, dem dortigen Marktführer, besitzen seit Jahren neben selbstreinigenden Brillen und Wasser- und Heissluft-Intimstrahlern auch Tonanlagen: Quietschende Vögel begleiten den Stuhlgang und tragen zur sozialen Entspannung bei.

Hören, und nicht gehört werden. Diese Idee hatte auch die US-amerikanische Firma Atech. Sie hat neulich den iCarta (für iPapier) auf den Markt gebracht. Dabei handelt es sich um einen Klopapier-Halter mit integrierter Stereoanlage für den iPod oder das iPhone.

Besucher können dort ihr eigenes Gerät aufstecken, die passende Musik und Lautstärke auswählen – und jede Toilette in eine Diskothek verwandeln. Alles andere wird übertönt. Natürlich provoziert diese Produktidee, die zunächst von Designexperten gar nicht ernst genommen wurde.

iCarta hätte von einem Konzeptkünstler stammen können, der damit das Jahrhundertfetisch iPod abwerten und gleichzeitig dessen musikalische Qualität denunzieren will. Oder es könnte als absichtlicher Versuch des Herstellers gewertet werden, mit einem „Produkt des Tages“ mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen – als Vorstufe zur Verewigung in einem Museum der Marketing-Skurrilen.

Doch es gibt gute Gründe, warum dem Produkt Beachtung geschenkt werden sollte. Es erreicht fast den Gipfel der Konsumdekadenz. Aber es hält, was es verspricht: „Enhance your experience – erlebnisreiche Entspannung“. Auch auf der Toilette. Die notwendige Prise Individualisierung und Selbstverwirklichung ist ebenfalls dabei: Wird AntonioVivaldi, Robbie Williams oder Puff Daddy gespielt, so weiß man, wer drin ist. Und meistens auch, was dort passiert.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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