Tumminellis Designkritik: Keine Zeit für Tischkultur

Tumminellis Designkritik
Keine Zeit für Tischkultur

Porzellan, das deutsche Gold, hat es zurzeit sehr schwer. Wie die Pelzmäntel scheint teures Geschirr zum Luxus von gestern verkommen zu sein. Das bekommt auch die traditionsreiche Marke Rosenthal zu spüren. Ihre neuste Kollektion "Landscape" besticht mit modernem Design - und findet trotzdem nur wenige Käufer.
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Wenn es um Design geht, dann darf man den Namen Rosenthal nicht vergessen. Es war Rosenthal, der bereits in den 50er-Jahren das Potenzial von Design als Marketinginstrument nutzte. Philip Rosenthal erfand mit der „Studio-Linie“ die Designkollektion und mit dem „Studio-Haus“ den Flagship-Store. Er brachte Kunst und Porzellan zusammen und formte mit einem klassischen Produkt ein modernes Unternehmen.

Spektakulär setzte der einstige Legionär die Marke in Szene – er verzichtete auf einen Millionenauftrag der Hilton Hotels, weil sie kein Rosenthal-Logo haben wollten, gleichzeitig engagierte er Louis Armstrong für Auftritte in Deutschland. Ohne Zweifel, die letzten Jahre der Firmengeschichte verliefen um einiges ruhiger, erst die vor kurzem angemeldete Insolvenz sorgte für Schlagzeilen.

Zum Erfolgsrezept von Rosenthal gehörte die Tischrede: Produkte sollten Geschichten erzählen, und über Produkte sollte man reden – mittlerweile erzählt das jeder Berater. Bei Rosenthal ging es so weit, dass alle Verkäufer regelmäßig Briefe aus Selb bekamen, mit immer neuen Geschichten, worüber man mit dem Kunden – und die Kunden unter sich – reden konnten. Märchenhaft.

Wann haben Sie zum letzten Mal über Porzellan gesprochen? Mehrmals am Tag begegnet man einem Speise- oder Kaffeeservice, doch geredet wird über Handys, Computer oder Autos. Die Faszination des Weißen Golds ist endgültig vorbei. Porzellan ist wie ein alter Hut – wie ein Pelzmantel.

Ein zynischer, kluger Direktor in Selb sagte einst, die einzig wirksame Umsatzförderung für Porzellan seien Kriege und Erdbeben. Da ist was dran. Die erste Erfolgswelle kam zwar vor dem Krieg, als das deutsche Volk königliches Porzellan für sich entdeckte. Die zweite Welle folgte dann gleich nach dem Krieg, als viele Häuser zerstört waren. Heute sind die Schränke voll damit, denn gutes deutsches Porzellan ist unkaputtbar und zeitlos. Seit über 100 Jahren sind bei Rosenthal Formen im Programm, die immer noch nachbestellt werden können. Teile eines lebenslangen Services. Heute plant kaum jemand lebenslang. Man kauft lieber schnell mal 24 Ikea-Teller zum Preis eines Rosenthals.

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