Tumminellis Designkritik
Kleiner Toyopet

Weniger ist manchmal mehr. Der japanische Autobauer Toyota macht einen entscheidenden Schritt ins Kleine und überträgt das Designkonzept von Smart in die viersitzige Dimension. Der Toyota IQ wird damit die neue Messlatte des Existenzminimums auf Rädern.
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Die Krise hat den japanischen Autobauer Toyota schneller, breiter und tiefer getroffen, als viele Experten erwartet haben. Zum Abschluss des Geschäftsjahres hat der Konzern Ende 2008 zum ersten Mal seit der Unternehmensgründung 1937 ein negatives operatives Ergebnis verzeichnet. Da spielt es dann keine Rolle, dass der Mann, der die schlechte Botschaft verkünden muss, jener stolze Präsident ist, mit dem Toyota 2007 zum weltgrößten Automobilbauer aufgestiegen ist. Ausreden hat der Mann keine: Katsuiki Watanabe und sein Team verbeugen sich respektvoll vor dem versammelten Publikum. Eine kleine Geste mit großer Wirkung.

Wenn Größe zählt, ist Toyota die größte (Auto)Marke der Welt. Der Name schmückt mehr als 90 Prozent der neun Millionen verkauften Autos – Lexus und Scion spielen eine Nebenrolle. Als erster macht der Große nun einen entscheidenden Schritt ins Kleine. Der japanische Autobauer überträgt mit dem Miniwagen IQ das Designkonzept von Smart in die viersitzige Dimension – und bleibt dabei knapp unter 3 Meter Länge. Sechs technische Innovationen machen dies möglich.

Das relativ hohe Gewicht von 850 Kilo zeugt von dem hohen Sicherheits- und Ausstattungswahnsinn – so gibt es 15 Zoll Felgen, wie früher in der S-Klasse. Wenn Fakten zählen, dann ist der IQ die neue Messlatte des Existenzminimums auf Rädern. Doch wenn Image zählt, dann bleibt die Meinung geteilt: Rational, gar reduziert soll der Wagen auf keinen Fall wirken. Ästhetische Auffälligkeit dominiert, Toyota nennt dies neulich „scheinbares Ungleichgewicht der Proportionen“ gekoppelt mit „Geometrie der freien Formen“. – Einerseits ein vermenschlichtes Gesicht, das den IQ zum sympathischen Haustier macht, andererseits ein gequältes Heck aus wirren Kurven, dem mehr Design als Sein zu entnehmen ist.

Offensichtlich will Toyota den Wagen als emotionales Produkt positionieren. In diese Richtung läuft auch die Einführungskampagne „Johns Apartment“ zum Marktstart in diesem Monat: Junge und jung gebliebene Menschen werden in eine Werbe-Wohnung mit Lifestyle-Charakter eingeladen, um den IQ kennen zu lernen – einfache Kurzzeitleasing-Angebote wurden für sie konzipiert.

Irgendwie erinnert dies an die Einführungskampagne des Smart Ende des letzten Jahrhunderts. Inzwischen scheint der Nischengedanke aber nicht mehr angebracht – auch wenn ein Tick mehr gestalterische Bescheidenheit nicht geschadet hätte.

Zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt gekommen, kann der IQ den Anspruch erheben, einen Downsizing-Trend zu beginnen, dem nun alle folgen werden. Er ist damit viel weniger ein Auto für die Lifestyle-Gesellschaft – oder gar für die „emissionsfreie Gesellschaft“ – als für „die Gesellschaft“. Eine kleine Geste mit großer Wirkung: Für alle ein neues Toyopet, Toyotas erstes Erfolgs- und Volksmodell.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

 

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