Tumminellis Designkritik
Motofone F3: Minimalismus pur

Motorola bringt mit dem Motofone F3 ein supereinfaches Handy für den Otto-Normal-Telefonierer auf den Markt. Es besitzt kaum mehr als zum Telefonieren und Schreiben knapper SMS notwendig ist. Ein Segen im Dschungel der Alltagsprodukte.

Der erste Kugelschreiber von László Biró war 1938 ein absolutes Hightech-Produkt; als er 1950 in Massenproduktion ging, wandelte er sich zu einem allgegenwärtigen Gebrauchsgegenstand, den man heute kaum mehr zu kaufen braucht. Mit dem Wandel vom Prestige- zum Massenprodukt beschritt der Kuli den typischen Weg der modernen Konsumdemokratisierung. Jetzt ist Motorola dran.

Der Hersteller des ersten Mobiltelefons bringt ein supereinfaches Handy auf den Markt – im T-Punkt für nur 20 Euro inklusive Telefonnummer und Gesprächsguthaben erhältlich. Weil es vom T-Punkt-Verkäufer nicht unbedingt empfohlen wird, könnte das Gerät wirklich gut sein. Hauptmerkmal: Das Motofone F3 besitzt kaum mehr als zum Telefonieren und Schreiben knapper SMS notwendig ist.

Dieses Reduktionskonzept wurde schön umgesetzt: eine tastenlose Tastatur und ein großzügiges Tastenkreuz, eine hilfreiche Sprachführung, nur eine winzige Buchse für Kopfhörer und Ladegerät. Außerdem sorgt das schwarz-weiße „elektrophoretische“ Display für perfekte Lesbarkeit auch unter praller Aprilsonne. Die Displayanzeige wurde auf ein gut sichtbares Maximum vergrößert und leider dabei auf ein schlecht nutzbares Minimum reduziert: Nur sechs alphanumerische Zeichen sind jeweils lesbar, dazu gibt es eine nervige Mischung aus Groß- und Kleingeschriebenem. Für SMS-abhängige und markengesteuerte Kids kommt ein derart reduziertes Gerät daher nicht in Frage. Wäre das Motofone zu perfekt, dann könnte es zu unerwünschten Kannibalisierungseffekten kommen.

Nein, perfekt ist es nicht, aber wohl ein Normalo-Handy zum Verlieben und Austoben: Man könnte es wutentbrannt gegen die Wand schleudern, mit ihm schwimmen gehen oder es mit dem Rad überrollen – es würde wahrscheinlich nichts geschehen.

Und falls doch, dann wäre es auch kein Drama. Das Motofone ist ein Segen im Dschungel der Alltagsprodukte und taugt gut als Vision für morgen. Handys wie Kulis: jederzeit greifbar, nutzbar – nicht mal eine Pin-Nummer ist notwendig. In diesem Sinne ist sogar die Sim-Sperre durch T-Mobile nicht weiter störend: Wenn sie in zwei Jahren verfällt, wird ein solches Designkonzept noch mehr im Trend liegen. Bei mir kommt dann eine andere Karte rein und los geht es, mit dem Moto-Biró.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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