Tumminellis Designkritik
Netter Versuch

Die Grünen haben sich ein neues Logo verordnet – die lange Arbeit hat sich kaum gelohnt. Eine überzeugende Parteimarke sieht anders aus, meint Designprofessor Paolo Tumminelli .

Als die Grünen-Chefs Claudia Roth und Reinhard Bütikofer ihrer Partei vor einem Jahr in Köln ein neues Logo präsentierten, fand sich dafür keine Mehrheit. Die Parteigenossen waren empört darüber, dass sämtliche Mitglieder vor eine fertige Lösung gestellt worden waren. Eine weitere Vermutung für das Scheitern liefert aber der Entwurf selbst. Nicht dass er hässlich gewesen wäre, vielmehr muss er die Bündnis-90-Fraktion beleidigt haben, deren Name kaum mehr sichtbar war. Dagegen glänzte das Wort „Die Grünen“ in Übergröße.

Und das war richtig. Denn egal wie die Machtverhältnisse zwischen beiden Fraktionen sind: In der Öffentlichkeit spricht niemand von „Bündnis 90“, sondern alle reden von den Grünen. Grün ist das Konzept, grün die Farbe, grün der Leitfaden in der Kommunikation („Grüne Politik“, „Green Car Concept“, „Werde Mitglied bei Grün“ etc.). Daraus lässt sich schließen, dass auch die Marke genau so grün – kurz und bündig in Wort und Farbe – sein soll. Man hätte dann nur empfehlen müssen, binnen ein paar Jahren die kleinere Bündnis-Wortmarke gänzlich verschwinden zu lassen (bitte auch die Sonnenblume), und die Grünen hätten ein gutes Markenerscheinungsbild gehabt, charakterisiert durch Prägnanz und Statur.

Daraus wurde nichts. Stattdessen musste Parteichefin Roth nach der Niederlage eine zumindest an der Kompetenzebene nicht sonderlich prominent besetzte, zehnköpfige Logo-Jury ins Leben rufen und führen, um zunächst sechs Schwächen des gegenwärtigen Logos zu erkennen, um später eine von vielen Agenturen zu beauftragen, drei Vorschläge auszuarbeiten. Letztere wurden dem Parteitag zur Auswahl gestellt, nun fiel die Entscheidung – mit bescheidener Mehrheit.

Dramatisch dabei ist nicht nur, dass der Prozess ein Jahr dauerte, sondern auch, dass es bei den Vorschlägen nicht darum ging, strategisch wichtige Veränderungen für die Identität der Partei zu verabschieden, sondern lediglich darum, ob man eine „überraschende und originelle, aber auch klassisch moderne Art und Weise“ oder einen „modernen und trotzdem individuellen Charakter“ favorisieren sollte.

Ohne große Emotion wurde ein Entwurf ausgewählt, der „am stärksten in der Kontinuität des aktuellen Logos“ steht. „Die grafische Verklärung sowie die Aufhebung der Trennung zwischen Bündnis 90 und Die Grünen“ darf man zwar willkommen heißen. Dass, um eine derart unwichtige Un-Veränderung zu verabschieden, eine Diskussion auf dem Parteitag notwendig war, ist schlichtweg peinlich. Man ahnt es, es macht den Grünen Spaß, Designer zu spielen. Ich möchte glauben können, dass die Grünen-Politiker in diesem Fall nicht aus reinen frivolen Geschmacksgründen gewählt haben. Denn dann hieße es, dass sie glauben, die Wähler würden es ebenfalls so tun.

Paolo Tumminelli ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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