Tumminellis Designkritik
Olympische Tragödie

Nach Peking im nächsten Jahr finden 2012 die Olympischen Spiele in London statt. Dazu gehört, wie die Tradition es bestimmt, eine passende Adaption der bekannten fünf Ringe. Und da geht London 2012 mit einem tragisch-lächerlichen Design an den Start.

Freitagabends, ein wunderbarer Sonnenuntergang im griechischen Theater von Syrakus, fünf Minuten vor Beginn der Aufführung. Ein letzter E-Mail-Check, es erscheint eine Anfrage von René Spitz auf dem Display, dem Vorsitzenden des Fachbeirats IFG, dem Internationalen Forum für Gestaltung in Ulm. Ob ich nicht bei einer nächsten Kritik das gerade vorgestellte neue Logo (!) für die Olympischen Spiele in London 2012 kommentieren möchte. Olympia und Sophokles, griechischer geht nicht.

Ich schaue mir das Kunstwerk an, und die Tragödie beginnt für mich, noch bevor sich auf der Bühne etwas bewegt. Seit 1914 symbolisieren die fünf Ringe alle fünf Kontinente, die sechs Farben – mit Weiß – die Flaggen aller Länder der Welt. Dazu gehört ein zusätzliches Markenelement, das jede Edition differenziert.

Historisch gesehen, kann man unter vier Epochen der olympischen Markenführung unterscheiden: romantisch bis zum Zweiten Weltkrieg, souverän bis Tokio 1964, demopop ab Mexiko 1968, kommerziell ab Los Angeles 1984. Der Wunsch nach Kontinuität ist stets präsent, so kehren gewisse Farben (natürlich-primär), gewisse Formen (weich-freundlich), eine gewisse Komposition (sanft-dynamisch) immer wieder zurück. Eindeutig erkennt man den genetischen Code der Spiele. Auch London folgt mit dem Bewerbungslogo für 2012 diesem Wunsch nach Zusammengehörigkeit und Respekt für die Institution. Und jetzt kommt als endgültiges Markenzeichen dieser tragische Fleck, den ich aus vier Gründen für eine Fehlkonstruktion halte.

Strategisch falsch: Man akzeptiert zwar Differenzierung als Grundprinzip der Markenbildung und -führung. Dem Auswahlprinzip zum Trotz geht es bei den Olympischen Spielen ganz nach de Coubertines Prinzip mehr um Partizipation und Zusammengehörigkeit als um Wettbewerb. Es gibt niemanden, gegen den sich London abgrenzen müsste. Also macht es keinen Sinn, die fünf Ringe einer farblich und formell unbekannten Komposition grafisch unterzuordnen und somit die Identität der Spiele zu Gunsten der Londoner Kreativität zu neutralisieren.

Konzeptionell fragwürdig: Nicht mal abstrakt findet die Idee von Integration und Partizipation, die selbstverständlich auf der 2012-Fahne groß geschrieben wird, ihre Umsetzung in der aggressiv wirkenden Form, die an den konvergenten Auffahrunfall von „Asteroids“ – dem ersten Videospiel überhaupt – erinnert.

Ästhetisch tragisch: Erklärtes Ziel der Marke ist es, junge Menschen anzusprechen. Deswegen soll sie – wie es so schön heißt – „dynamisch, modern, flexibel“ sein. Was man aber sieht, ist die Wiedergeburt einer postmodernen Graffiti-Ästhetik, die vor 30 Jahren modisch war und die heute höchstens auf doppelt so alte Menschen noch modern wirkt. Graffiti sind übrigens insofern demokratisch-populär, dass sie als grafischer Terroranschlag gegen die friedliche Etablierung einer kapitalistischen Alltagsästhetik gelten. Mit freundlicher Integration hat das nichts zu tun.

Sozial diskriminierend: Die fünf Ringe und die Wortmarke „London“ wurden unvorteilhaft in die Asteoroiden-Grundform integriert. Diese kann zwar von einem geschulten Auge als Zahl 2012 entziffert werden, ob aber die Bevölkerungen in weniger – oder einfach anders – geschulten Ländern das Symbol als Zahl entziffern und verstehen werden, ist fraglich.

Die WM 2006 hat bewiesen: Betrachtet man – wie ich das immer tue – eine Marke als Beziehung, so weiß man, dass eine hohe Markenqualität auch dann erreicht werden kann, wenn das Markendesign dramatisch-lustig ist. Mit einem tragisch-lächerlichen Design startet London 2012 zwar – erstaunlicherweise – nach der WM in Deutschland, dennoch wünsche ich den Veranstaltern viel Glück und der ganzen Welt gute Spiele.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%