Tumminellis Designkritik
Perfektion auf Bayerisch

Mit der Coupé-Version des BMW Z4 kommt Chris Bangles umstrittenes Design endlich zur Geltung. Nur ein winziges Detail stört die ansonsten harmonische Gesamtkonstruktion.

Mit dem Bestseller „Hässlichkeit verkauft sich schlecht“ definierte Raymond Loewy 1951 die Grundlage des strategischen Designs und gleichzeitig krönte er sich zum Designkönig Amerikas. Zumindest die freie Übersetzung ins Deutsche des Titels „never leave well enough alone“ stellt für einige Designstrategen heute noch ein Dilemma. Wie kommt es dazu, dass nach Einführung des neuen und von vielen immer noch als unschön (bzw. polarisierend, wie der Marketing-Jargon lieber sagt) empfundenen Design, die Absatzzahlen von BMW permanent auf Höhenflug sind?

Ein erster banaler Grund dafür ist, dass das Design nicht allein für den unternehmerischen Erfolg verantwortlich ist. Ein zweiter ist, dass die Attraktivität einer Marke bekanntlich größer ist, als die der einzelnen Produkte. Ein letzter ist, dass man sich an alles gewöhnen kann. Mit seiner Designrevolution für BMW hat Chris Bangle das Risiko nicht gescheut und hat zwei Probleme in Kauf genommen: Er hat sich für einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit entschieden, wie man ihn in der Deutschen Designgeschichte noch nicht kannte. Und er hat eine sehr komplexe, in der Umsetzung sehr schwierige Designsprache gewählt, mit der er hätte länger üben müssen. Weder die BMW-Fans hatten ausreichend Zeit, sich an das neue Design zu gewöhnen, noch hatte Bangle Ruhe genug, seine Sprache zu perfektionieren, eher diese die Serien-Produktion erreichte.

Als der neue 7er kam, war man zu recht empört: zu viel Masse, zu wenig Klasse. Der 6er, dem das schöne Z9 Concept-Car zu Grunde liegt, ist besser, aber weiterhin zu schwer. Der 5er ist wunderbar modelliert, im Detail aber unruhig und ungelöst. Ditto für den Z4 Roadster, der unter einem geschwollenen Gesicht und einem Mazda-Heck leidet. Der 3er wäre fast perfekt gewesen, hätte man ihm nicht ein konventionelles Heck verschrieben, das sich kaum im neuen progressiven Design integriert.

Mit dem vor wenigen Wochen in Genf präsentierten Z4 Coupé hat das Experimentieren ein glückliches Ende gefunden. Gestalterische Ruhe trifft im kompakten Coupé auf ästhetische Kraft. Die Massen, die Proportionen, die Schnitte: Alles stimmt in einem Auto, das eine kleine und feine Marktnische schmückt.

Der Z4 Coupé verkörpert zwar kein harmonisches Understatement, aber er ist eine starke, dynamische Skulptur voller Charme und Faszination. Ein historisches Plagiat darf man ihm gerne verzeihen: die „Vertiefung im Dach“. Sie ähnelt dem Doppel-Buckel, den der italienische Designer Ugo Zagato zum Markenzeichen seiner klassischen Aston Martin GTs machte.

Unverzeihlich ist allerdings die aus dem Roadster bekannte, unnötige Diagonallinie an der Seite. Würde sie nicht das fette, blinkende Logo integrieren, wäre sie noch akzeptabel. In Kombination ist sie, auf amerikanisch gesagt: „cheesy“ (geschmacklos). Das Detail mag Amerikanern gefallen, der Z4 Coupé hat es jedoch nicht verdient. Trotzdem freut man sich auf diesen neuen BMW. Und erst recht erwartet man beim nächsten noch mehr Perfektion.

Paolo Tumminelli ist Design-Professor an der Fachhochschule Köln.

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