Tumminellis Designkritik
Rheines Design

Am vergangenen Wochenende fand in Köln zum ersten Mal das Rheindesign-Festival statt. Es ging nicht um Form, nicht um Ästhetik und auch nicht um bunte Bilder, sondern um Konzepte, Inhalte, Erfahrungen. Hier zeigten die Kreativen, wie Design die Gesellschaft und die Wirtschaft bewegen kann.

Handelsblatt-Leser Arnold Schmitt bittet mich, ich solle mir bei der Erklärung von designspezifischen Konzepten und Inhalten mehr Mühe geben. Schließlich sei die Sprache der Designer vielen Lesern noch zu fremd. Er hat Recht. Dennoch: Design einzugrenzen wird immer schwieriger, eine allgemein gültige theoretische Grundlage zu definieren immer komplexer.

Für viele Betrachter ist Design eine gegenständliche Mischung aus Bauhaus, Colani und Alessi – die Hauptfrage ist dabei lediglich, ob die Form der Funktion oder sonst überhaupt etwas folgen soll. Dass dieses Verständnis antiquiert ist, beweisen meines Erachtens die jüngsten Auktionsergebnisse von modernen und gegenwärtigen Designobjekten – beide werden schließlich mit musealen Antiquitäten verglichen. Die gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Relevanz von Design wächst nahezu ungebremst. Design ist überall und betrifft, bewusst und unbewusst, alle.

Wer sich davon überzeugen will, der möge nach Köln kommen. Vor 16 Jahren wurde am Rhein mit dem Kölner Modell jene systematische Integration der Designdisziplinen initiiert, die international Schule gemacht hat. Kreativität ist nicht mehr nur im künstlerischen Kontext zu Hause, sondern und vor allem im wirtschaftlichen Umfeld gefragt.

Auch Andreas Grosz, Wahlkölner und gleichzeitig Gründer eines erfolgreichen Business-Clubs und einer Kommunikationsplattform für Architektur, Technologie und Design, versteht Design als Motor der Kreativwirtschaft. Kein Zufall, dass Grosz Mitinitiator von Rheindesign ist, einem Festival, das sich als Ziel gesetzt hat, zum einen das kreative Potenzial der Kölner zur Schau zu stellen, zum anderen das neue Verständnis für Design zu promoten.

Dazu gehörten sowohl intime Autorenlesungen in den Suiten des Excelsior Hotel Ernst als auch Einblicke in die Logistik des brandneuen DHL-Innovation-Centers. Michel Erlhoff moderierte ein Designgespräch im Thalys-Zug (zwischen Köln und der diesjährige Partnerstadt Brüssel) und orchestrierte mit Studierenden ein einmaliges Open-Air-Konzert für Waschmaschinen.

Auffällig an den 60 Rhein-Projekten ist: Es geht nicht um Form, nicht um Ästhetik und auch nicht um bunte Bilder, sondern um Konzepte, Inhalte, Erfahrungen. Auf einer derart subtilen Ebene kann Design die Gesellschaft und die Wirtschaft bewegen.

Herr Schmitt wird es mir verzeihen: Bei diesem Designniveau kann die Arbeit des Kritikers nur schwieriger werden. Das Leben der Menschen dagegen – zumindest bei sinnvoller Anwendung – um einiges einfacher.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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