Tumminellis Designkritik
Sex sells: Nacktes Design

Sex sells, dachte sich der italienische Designer Fabio Novembre und verpasste der Designikone Panton Chair einen Hintern. Das Objekt ist kaum mehr als eine billige Provokation. Die Genialität dieser Tat besteht darin, etwas gewagt zu haben, was sich bisher keiner getraut hat.
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In Mailand war in der vergangenen Woche Möbelmesse. Gestalter und Hersteller, Journalisten und Verkäufer kamen in Scharen. Während mit Gewöhnlichem – Billigstühle aus dem Fernost, Bürogarnituren aus der Türkei und Polstermöbel aus Südeuropa – eifrig gehandelt wurde, schaute sich die Community nach Sensationellem um.

Die internationale Designwelt arbeitet am Rande des Markts in einer fabelhaften Nische, die man aus Geldgründen gerne mit Kunst gleichsetzt. Seit 2005 bei Christie’s ein Tisch des verstorbenen Architekten Carlo Mollino – Baujahr 1949, Schätzpreis 200 000 Dollar – für 3,8 Millionen Dollar über die Theke ging, weiß man, dass dies funktioniert.

Längst hat das, was man öffentlich Design nennt, nichts mehr mit Industrie, Standard, Qualität oder Lebensart zu tun. Dieses Design ist ein mediales Phänomen, dessen Qualität nicht mehr unter ökonomischen, ökologischen und praktischen Aspekten messbar ist. Der Effekt zählt, nicht die Stückzahl. Die Produktplatzierung, sei es in einem Film, in einer Werbung, in einer Personality-Story hat Vorrang – egal, wie viel oder wie wenig von einem Produkt verkauft wird.

Wichtig ist der mediale Wert, der dem Projekt gebührt wird. Davon profitieren sowohl Designer als Hersteller. Der eine wird durch ein sensationell-unverkäufliches Produkt eine Aufmerksamkeit generieren, die das Geschäft mit anderen gewöhnlich-verkäuflichen Produkten aus dem Sortiment ankurbelt. Der andere wird durch die Publizität einen Designpreis, einen Platz im Museum, eine Buchplatzierung bekommen und irgendwann auch einen fetten Auftrag – vielleicht für die Einrichtung einer Schaich-Villa.

Dieses Design zu kritisieren wird ebenfalls zur Kunst. Denn der Gegenstand darf nicht mehr als Gegenstand betrachtet werden, sondern als Kommunikationsmittel. Aus dem Produkt wird eine dreidimensionale Werbung. Wo der Unterschied liegt, ist schnell gesagt: Ein blödes Produkt, das zu Werbezwecke genial funktioniert, bleibt ein blödes, unnötiges Produkt – eine Verschwendung von Ressourcen.

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