Tumminellis Designkritik
Single-Coffee

Die neue WMF-Kaffeemaschine ist für Individualisten mit Designgespür. Das Eintassen-Konzept macht das Gerät nicht nur ästhetisch zur Besonderheit. Ein gelungener Versuch, zu den Wurzeln des deutschen Designs zurückzukehren.

Jean-Remy von Matt hat es sich wohl gut überlegt. In einer jüngst erschienenen Anzeige für Sixt spielt der Erfinder des Werbeslogans des Jahrtausends den Penner und hält sich demonstrativ ein Schild mit „Geiz ist doch nicht geil“ an seine Brust. Dass dies stimmt, demonstriert die rasante Verbreitung von so genannten Pad-Kaffeemaschinen: Das Senseo-System – eine gemeinsame Entwicklung des amerikanischen Kaffeerösters Sara Lee und von Philips – hat sich seit Herbst 2002 allein in Deutschland über fünf Millionen Mal verkauft.

Als Einzeldose in biologisch abbaubaren Pads verpackt, lässt sich Kaffee sauber brühen und schmeckt stets frisch. Der Mehrpreis beträgt jedoch, am Beispiel von Dallmayr Prodomo kalkuliert, etwa 250 Prozent. Hier entpuppt sich der Kaffeetrinker als fauler Genießer, frei nach dem Motto „Man gönnt sich ja sonst nichts“.

Mich persönlich schreckt der Mehrpreis für den Stoff weniger als die Schwierigkeit, eine passende Maschine zu finden. Und zwar nicht wegen des Preises, sondern wegen des Designs. Ungeachtet der öffentlichen Kritik, sind die meisten Haushaltsgeräte, ob Rasierer, Toaster, Haartrockner, zu Science-Fiction-Spielzeugen mutiert. Dabei sind die erfolgreichen Kaffeemaschinen am schlimmsten. Weil sie als Vorzeigeobjekt in der Küche oder im Büro dienen, sehen sie entweder wie veredelte Dampf-Lokomotiven aus oder wie Star-Treck-Barock-Altäre.

Dagegen ist die Pad-Kaffeemaschine von WMF ein gelungener Versuch, zu den Wurzeln des deutschen Designs zurückzukehren: ein kompaktes Gehäuse – sachlich und weiß –, eine einzige Bedientaste – mittig und rund – und eine selbsterklärende Bedienbarkeit. Diese wird durch eine farbig abgesetzte Mulde für die Tasse betont.

Eine Tasse Kaffee kann damit zubereitet werden, und zwar nur mit der mit dem Gerät gelieferten Porzellantasse – eine andere passt nicht. Geht die Tasse kaputt, kann man sie als Ersatzteil nachbestellen. Und das ist der konzeptionelle Knackpunkt dieser Kaffeemaschine, die gleichzeitig Design-Objekt ist: Als Kaffeemaschine gesehen, ist sie nicht wirklich perfekt, aber als Design-Objekt betrachtet, ist sie schön so.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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