Tumminellis Designkritik
Stuhl mit Flügeln

Richard Schultz Design präsentiert auf der Möbelmesse "International Contemporary Furniture" in New York eine Gartenstuhlserie, die durchaus das Zeug zum Klassiker hat.

DÜSSELDORF. Der Name Richard Schultz dürfte selbst Designkennern ziemlich unbekannt sein. Das liegt aber nicht daran, dass es sich bei ihm um den Neuesten unter den so genannten Shooting-Stars der internationalen Designszene handelt. Richard Schultz ist gut 82 Jahre alt, einer der letzten noch lebenden Industriedesigner der Nachkriegsgeneration - und er ist kein Deutscher.

Doch seine Biographie verrät eine gewisse Verbindung zu Deutschland. Studiert hat Schultz am Illinois Institute of Technology, jener Schule, die 1937 von László Moholy-Nagy - einem der berühmtesten Lehrer des Bauhaus - in Chicago als amerikanisches "New Bauhaus" gegründet wurde.

Obwohl man der mitteleuropäischen Avantgarde bis in die 30er Jahre eine leitende Rolle bei der Definition modernen Designs zuerkennen muss, kommt es erst mit der Auswanderung in die USA von Menschen des Kalibers von Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe (letzterer ebenfalls in Chicago) zur Verbreitung der in Europa als sehr elitär angesehene Bewegung des "Internatonal Style". Dieser definiert nicht nur neue Gestaltungsregel, sondern auch eine neue Ästhetik des Lebens.

Einerseits prägen gläserne Gebäude das Spiegelbild des Modernen Konzerns - als Beispiel gelten heute noch das Sony Center, der Post-Tower oder Berliner Hauptbahnhof. Andererseits definiert die amerikanische Lebensart (the american way of life) in den Jahren des Kalten Krieges ein international geltendes Vorbild für modernes Wohnen. Dazu gehört die offene, um funktionale Inseln organisierte "amerikanische Küche" sowie der Swimming Pool, unverzichtbares Zeichen eines massifizierten Wohlstandes, wie die Zelebrierung des Nichtstuns am Hinterhofbecken von Benjamin Braddock im Film "die Reifeprüfung" 1967 meisterhaft dokumentiert.

Die lange Story bringt uns zu zurück Richard Schultz. Dieser findet 1966 Arbeit bei dem amerikanischen Konzern Knoll International, der in den 1950er und 1960er Jahren zu den einflussreichsten Design-Häusern zählte. 1966 bittet ihn seine Arbeitgeberin Florence um die Gestaltung von Outdoor-Möbeln, die das feucht-salzige Floridawetter überstehen können. Schultz schafft auf Anhieb einen Klassiker: Die im Bauhaus-Stil aus weiß lackierten Metallröhren hergestellten Möbel der so genannten "Serie 1966" werden schnell zum Status-Symbol - und heute noch produziert.

Es ist vor allem der Liegestuhl auf Rädern, der dem Outdoor-Lifestyle zwischen Barbecue und Pool jenen unwiderstehlichen Charme verleiht, den viele Menschen mit Plastik-Möbeln und aufblasbaren Becken immer noch zu replizieren versuchen. Mit minimalistischer Einfachheit erklärt Schutz das Rezept für seinen Erfolg: "The best furniture is comfortable, durable and handsome".

Man wünscht sich manchmal, mehr Designer würden mit vergleichbarer Luzidität argumentieren. Mittlerweile hat Richard Schultz mit Sohn Peter in Pennsylvania eine eigene Firma aufgebaut. Umsätze werden mit wenigen zeitlosen und langlebigen Produkten gemacht, Neuheiten sind - der Philosophie entsprechend - eine Seltenheit.

Letzte Woche überraschte das Duo Vater-Sohn in New York mit der neuen Möbelserie "Wing". Gemeint ist die Adaption für den Outdoor-Bereich der längst vergessenen Typologie der "Wing-Chairs", deren hohen Flügel früher halfen, warme Kaminluft besser einzufangen sowie kalte Ströme vom Hals fern zu halten. Was heute im Interior-Bereich kaum noch sinnvoll ist, passt im Outdoor-Bereich geradezu perfekt. 40 Jahre nach der Flachliege für Sonnyboys und-girls kommt nun ein gemütlicher Sessel für die silberne Generation. Schultz hat mit ihm eine stilvolle Antwort auf den demographischen Wandel gefunden.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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