Tumminellis Designkritik
Zwei Gesichter der C-Klasse

Bei der neuen C-Klasse bietet Mercedes-Benz seinen Kunden mehr Mitsprache: Für die Gestaltung der Frontpartie gibt es zwei Varianten zur Auswahl. Der Anfang vom Ende des klassischen Kühlers?

Einer der Ersten war der schweizerisch-italienische Sänger Vico Torriani: Mitte der 60er-Jahre ließ er in sein weißes 220 SE Coupé das Gesicht des Pagoden-SL implantieren. Dort, wo Paul Bracq, verantwortlich für den Entwurf beider Modellreihen, den klassischen Mercedes-Kühler mit Stern-Maskottchen platziert hatte, glänzte nun ein flacher Sportgrill mit großem Stern in der Mitte.

Mit dem Umbau wollte Torriani beweisen: Der Kunde sollte die Freiheit haben, seinem Auto das gewünschte Gesicht zu geben. Dagegen sprach damals die strenge vertikale und horizontale Homogenität des Mercedes-Designs: Limousinen tragen den Kühler, Sportwagen den Grill – Punkt. Trotzdem ignorierte mancher Kunde das Diktat.

Nachdem ab 1971 die Coupés der S-Klasse zu Sportwagen erklärt worden waren und somit den Grill auch offiziell tragen durften, florierte das Umbaugeschäft. Mitte der 80er-Jahre war es durchaus modisch, in den Baby-190er oder in die Coupés der Mittelklasse eine sportliche SEC-Haube samt Flachgrill und Riesenstern einzubauen. Dass mit der neuen C-Klasse dem Kunden heute offiziell die Wahl überlassen wird, ergibt Sinn. Denn mit Einführung der A- und M-Klasse 1997 verlor die dogmatische Mercedes-Design-Strategie ohnehin an Bedeutung: Drei von vier Haupttypologien tragen seitdem den sportlichen Grill. Dementsprechend wurde der alte Kühlergrill stetig verjüngt und vereinfacht, so dass er jetzt nur annähernd so markant und mächtig wirkt wie früher.

Geht man von einer weiteren Vermehrung und Kreuzung von Modellreihen aus, so würde ich behaupten, dass der Kühler ein Auslaufmodell ist. Zunächst ist Mercedes seit den 80er-Jahren eine viel demokratischere Marke geworden. Angesichts des demographischen Wandels sollte die Kundschaft verjüngt werden, die Autos wurden immer sportlicher und schnittiger. Heute harmoniert deren „Body“ eher mit dem Sportgrill.

Weiterer Vorzug: Im Sportgrill steht der Stern viel prominenter da. Sehen alle Autos, wie man nach dem Vergleich von C-Klasse und BMW 3er behaupten könnte, „immer gleicher aus“, so profitiert Mercedes-Benz von einer höheren Sichtbarkeit des Sterns. Und wer kann eine derartig wichtige Entscheidung wie die mögliche Ablösung des klassischen Kühlers verantworten, wenn nicht der Kunde selbst?

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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