Turbulente Hauptversammlung bei Daimler-Chrysler
Reportage: Warnschüsse auf den Chef

Kein deutscher Konzern hat regelmäßig so turbulente Hauptversammlungen wie Daimler-Chrysler. Und dieses Mal in Berlin ist der Ärger wegen der Chrysler-Schieflage besonders groß. Aber die Ablösung des blass wirkenden Schrempp fordern nur wenige Aktionäre.

HB BERLIN. Der Mann ist blass, und seine Rede passt zu seinem Aussehen. Schließlich findet er doch noch einen Satz, der stolz und unbeugsam klingt. "Der Stern ist unantastbar", dafür stehe der gesamte Vorstand, sagt Jürgen Schrempp und kassiert verhaltenen Applaus, als er seine Rede beendet hat.

Vier Stunden später wird der Daimler-Chrysler-Chef er ausgepfiffen werden. Seine Antwort, niemand sei bei der Chrysler-Fusion getäuscht und alles sei offengelegt worden, glaubt ihm keiner im großen Saal des Internationalen Congresscentrums (ICC) in Berlin.

Es ist wieder Hauptversammlung bei Daimler-Chrysler, und das heißt seit etlichen Jahren: "It?s showtime!" Was bei anderen deutschen Konzernen meist unspektakulär abläuft, das artet bei Daimler-Chrysler seit Anfang der 90er Jahre regelmäßig in ein "irres Theater" aus, wie Klaus Kessler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) achselzuckend sagt.

Aber selten kamen die Aktionäre mit soviel Wut im Bauch an wie dieses Mal. Allein seit der letzten Hauptversammlung ist der Kurs wegen des Chrysler-Debakels um 17 Prozent gefallen, und von seinem Höchststand 98 Euro ist er mit 55 Euro weit entfernt.

10 800 davon Betroffene sind da, und 4 500 von ihnen können im großen Saal mit verfolgen, wie sehr sich im Laufe der Jahre die Gegner in den Kampf verbissen haben. Professor Ekkehard Wenger, den die Ordner vor Jahren schon einmal aus einer Daimler-HVgetragen haben, erstirbt vor Aufregung fast die Stimme, als er Vorstand und Aufsichtsrat angreift.

"Gnadenlos sind die ehemaligen Daimler-Benz-Aktionäre abgezockt worden", wirft er dem Vorstand vor. Eine "katastrophale Fehlentscheidung nennt er die Fusion mit Chrysler und verlangt von den Daimler Vorständen eine Entschuldigung für die Vermögenszerstörung. "Schrempp und Konsorten wollten nur an die große Kohle kommen", sagt er und meint damit die Steigerung der Managementgehälter in der Folge des Deals.

Schrempp-Biograf Jürgen Grässlin vom Dachverband der kritischen Aktionäre bezeichnet Schrempp als den größten Kapitalvernichter seit Edzard Reuter. 70 Milliarden Mark Aktionärskapital seien vernichtet worden, schimpft Grässlin.

Harte Worte für Schrempp. Aber er bleibt ruhig, ungewohnt defensiv. Seiner Rede zu Beginn " fehlte das Feuer", urteilen Aktionäre und Mitarbeiter. Fragen beantwortet er später ruhig, ungewohnt bescheiden wirkend.

Der Vorstandschef wirbt für seine Strategie der Welt AG. "Kein Automobilunternehmen hat soviel verbrieftes Wissen", appelliert er ans Publikum. Und bittet die Aktionäre um die Geduld, die einer wie der Aufsichtsratsvorsitzende Hilmar Kopper an diesem Tag beweist. Lange Stunden verlässt er das Podium nicht. Er sitzt fast unbewegt, ohne zu Essen oder zu Trinken.

Den vielstündigen Schlagabtausch mit Vorstand und Aufsichtsrat hat am Morgen Klaus Kessler eröffnet und damit auch den Grundton der Veranstaltung vorgegeben, von dem nachher nur Wenger und wenige andere abweichen. Die Kritik am Unternehmenskurs ist klar. Als Warnschuss wird gefordert, den Vorstand nicht zu entlasten - aber richtig scharf schießen will kaum einer.

"Es kann nicht sein, dass der Konzern Fässer ohne Boden auf der ganzen Welt mit dem Geld der Aktionäre einkauft", sagt Kessler und gibt damit dem Frust der Aktionäre eine Stimme. Das gleich betont der nächste Redner, Lars Labryga von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre: "Es geht nicht an, alle Sanierungsfälle einzusammeln und mit dem Geld der Aktionäre weltweit Gutes zu tun." Großer Applaus, aber von Alternativen spricht keiner.

Es wird an den Konzernverlust von über fünf Milliarden Mark Mitte der 90er Jahre erinnert; immer wieder falen die Namen Chrysler und Mitsubishi. Aber immer noch bleibt der Tonfall moderat. "Zum zweiten Mal innerhalb von fünf Jahren durchläuft das Unternehmen eine schwierige Phase, die durch eine forcierte Expansion verursacht wird", klagt beispielsweise der Aktionär Christian Strenger. Er richtet seine Vorwürfe auch an den Aufsichtsrat. "Gerade wenn man einen für seine Stürmertalente bekannten, nach Gipfeln strebenden Vorstandsvorsitzenden hat, muss der Aufsichtsrat um so mehr das richtige Timing des Ressourceneinsatzes sicher stellen." Er fordert eine ergebnisabhängige Bezahlung auch für den Aufsichtsrat.

Wer sich bei den Aktionären umhört, die teils schon um sieben Uhr morgens gekommen sind, oft, um einmal Schrempp leibhaftig zu erleben, der spürt Unbehagen, aber keinerlei revolutionäre Absichten. Ein Kleinaktionär aus Berlin, der sich eigens einen Tag Urlaub genommen hat, urteilt über Schrempps Rede: "Er hat nur längst Bekanntes erzählt, über Chrysler war fast nichts zu erfahren gewesen." Das nehme er dem Mann übel. Die Börse sieht das übrigens ähnlich. Der Kurs sinkt gestern nach der Rede Schrempps.

Doch der Tag vergeht, die Redezeiten werden schon auf fünf Minuten verkürzt, und die Großaktionäre in den für sie reservierten ersten Reihen atmen langsam auf. Schrempp, für den sie keinen vernünftigen Ersatz hätten, bekommt keine rote Karte gezeigt. Noch nicht.

Aktionärsschützer Kessler sagt es am Schluss seiner Rede unmissverständlich: "Nächstes Jahr wollen wir andere Zahlen oder andere Köpfe."

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