Turkish-Airlines-Chef Temel Kotil
Überflieger vom Bosporus

Die Türkei im Halbfinale der Fußball-EM? Daran haben vor einigen Wochen nur wenige geglaubt - außer Fatih Terim, der Coach der türkischen Elf. Türk Hava Yollari (THY) in der Spitzengruppe der europäischen Airlines? Auch das hielten vor einigen Jahren selbst Branchenkenner für unmöglich - außer Temel Kotil, Chef von THY, bekannt als Turkish Airlines.

ATHEN. Beide haben viel erreicht. Aber Terim und Kotil könnten unterschiedlicher kaum sein: dort der exzentrische, von den Spielern gefürchtete "Imperator", der seine Mannschaft mit Wutausbrüchen antreibt. Hier der bestimmt, aber verbindlich auftretende Universitätsprofessor Kotil, der sein Führungsteam eher mit leisen Tönen zu motivieren versteht. "Er fällt nie aus der Rolle", berichten Mitarbeiter.

Beide Männer haben es auf ihre Art weit gebracht. Es passt deshalb, dass die Fluggesellschaft zu den Hauptsponsoren der Türkischen Fußball-Föderation (TFF) gehört und so das Nationalteam unterstützt.

Doch vor einigen Jahren hätte sich kaum jemand um THY als Förderer gerissen. Denn die Fluggesellschaft hatte keinen guten Ruf. Das defizitäre Staatsunternehmen lag den Steuerzahlern auf der Tasche, quälte seine Passagiere mit ständigen Verspätungen und Stornierungen. Bodenpersonal und Kabinencrews gingen ihrer Arbeit sichtlich missmutig nach - wenn sie nicht gerade streikten. Schlimmer noch: Wegen einer Reihe spektakulärer Abstürze rangierte THY in der internationalen Sicherheitsstatistik auf einem der letzten Plätze.

Kotil kam im Jahr 2003 als Technikchef zu THY, übernahm zwei Jahre später als Chief Executive Officer (CEO) den Steuerknüppel bei der zuvor meist von Staatsbeamten geführten Fluggesellschaft - und brachte das Unternehmen auf einen rasanten Wachstumskurs: "Wir haben im Schnitt der vergangenen drei Jahre um jeweils rund 20 Prozent zugelegt, gegenüber fünf Prozent im Durchschnitt der europäischen Fluggesellschaften", sagt der 48-jährige Kotil.

Wie Nationaltrainer Terim, der als Libero bei Adana Demirspor und Galatasaray Istanbul, beim AC Florenz und AC Mailand kickte, ist Kotil vom Fach: Er studierte an der University of Michigan und an der Technischen Universität Istanbul Luftfahrt-Ingenieurwissenschaften. Was für Fatih Terim die EM-Qualifikation, war für Temel Kotil der Beitritt zur Star Alliance: Mit der Aufnahme der THY in das weltgrößte Luftfahrt-Bündnis bekam er in diesem Frühjahr seinen Ritterschlag und seine Fluggesellschaft ein Qualitäts-Siegel.

"Jetzt können wir unseren Passagieren weltweit rund 900 Ziele anbieten", freut sich Kotil. Eng kooperiert Turkish Airlines mit der Lufthansa, denn Deutschland ist der mit Abstand wichtigste Auslandsmarkt. Die meisten Verbindungen zwischen Deutschland und der Türkei bieten beide Fluggesellschaften als Gemeinschaftsflüge an. Ihre Heimatbasis, den Istanbuler Atatürk-Flughafen, will Kotil zum Drehkreuz zwischen Europa und Asien ausbauen.

"Wir wollen bis 2009 die viertgrößte Fluggesellschaft Europas werden und Turkish Airlines zu einer globalen Marke machen", sagte Kotil kürzlich dem Handelsblatt. Unermüdlich arbeiten er und seine Mannschaft an der Qualität. So liegt die früher oft verspätete Airline bei der Pünktlichkeit inzwischen auf Platz 2 in Europa. Auch beim Serviceniveau will Kotil durchstarten: "Östlich der Türkei gibt es mehrere Fünf-Sterne-Airlines", sagt er unter Anspielung auf Konkurrenten wie Emirates und Singapore Airlines. "Westlich von uns gibt es bisher keine Fünf-Sterne-Airline - wir wollen das Konzept nach Europa bringen."

Das klingt nicht weniger vermessen als der Traum des Nationaltrainers Terim vom Titel des Europameisters. Doch zumindest Turkish Airlines ist weiter im Steigflug: Während die Europäer durchschnittlich im ersten Quartal 2008 nur 1,5 Prozent mehr Passagiere beförderten, kam THY-Chef Kotil auf ein Plus von 16 Prozent. Die Zahl der internationalen Transit-Passagiere lag sogar um 45 Prozent über dem Vorjahreswert. Die Zahl der Business-Class-Kunden stieg im ersten Quartal um 32 Prozent. Im vergangenen Jahr erzielte die an der Istanbuler Börse notierte Fluggesellschaft, die zu 46 Prozent dem Staat gehört, einen Nettogewinn von 291 Millionen Lira (rund 170 Millionen Euro).

Wie wirkt sich der steigende Treibstoffpreis auf das laufende Geschäftsjahr aus? Kotil ist in einer vergleichsweise günstigen Lage: Sein Unternehmen profitiert nicht nur von dem günstigen Lohnniveau in der Türkei. Mit 127 Beschäftigten pro Flugzeug und 1 517 Passagieren pro Mitarbeiter ist THY auch eine der produktivsten Airlines weltweit. "Wir spüren eigentlich die Ölpreiskrise bisher gar nicht", behauptet der Vorstandschef.

Das rasante Wachstum der THY fordert von Kotil vollen Einsatz. In der Zentrale am Rande des Atatürk-Flughafens traf man ihn in den vergangenen 18 Monaten selten an. Meist war er unterwegs zu internationalen Konferenzen oder einer der mehr als drei Dutzend neuen Ziele, die seine Fluggesellschaft seit 2007 ansteuert. Für seine Frau, seine vier Kinder und sein Hobby, die Zierfische im heimischen Aquarium, hatte er deshalb wenig Zeit.

In der Branche genießt der vor drei Jahren noch weitgehend unbekannte THY-Chef inzwischen international hohes Ansehen: "Unter seiner Führung hat Turkish Airlines eine unglaubliche Gewinnsteigerung erlebt", lobt die Fachzeitschrift Airline Business.

Wie dem aufbrausenden Nationalcoach Terim mangelt es auch dem kleinen, schnauzbärtigen Kotil nicht an Selbstbewusstsein. Das Motto der beiden Männer ist dasselbe: "Wir wollen in Europa an die Spitze!"

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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