Über 10 Millionen Fans sahen 40. Saison
Fußball-Bundesliga: Faszinosum und Sanierungsfall

Die Fußball-Bundesliga zieht die Fans weiter massenhaft in ihren Bann, doch trotz des Zuschauer-Booms bleibt die 40. Saison nicht nur in guter Erinnerung. TV-Krise, Diskussionen um explodierende Spielergehälter, wachsende Schuldenberge und umstrittene Schiedsrichterleistungen, die Affäre um verdeckte Kirch- Zahlungen an Branchenführer Bayern München, Manipulationsvorwürfe und meist wenig berauschenden Vorstellungen auf dem Rasen sorgten für Schlagzeilen. Die Eliteliga präsentierte sich einerseits als Faszinosum, dann wieder als Sanierungsfall.

HB/dpa DÜSSELDORF. Zwei Schallmauern wurden durchbrochen: 10,161 Mill. Zuschauer (Schnitt: 33 207) bedeuten ebenso neuen Rekord in der Bundesliga- Geschichte wie 401 249 Fans am letzten Spieltag. Doch auch diese Bestmarken können nicht über die Krise der Liga hinwegtäuschen. National boten die Clubs meist nur Magerkost, international waren sie ohne Bedeutung: Erstmals seit Jahren erreichte kein Bundesligist ein europäisches Viertelfinale. Zudem sind angesichts einbrechender TV- Gelder Sorgen um die Finanzkraft vieler Clubs angebracht. "Wir stehen vor einigen bitteren Jahren und müssen uns Gedaken machen, wie wir die Schulden jemals tilgen", mahnte der Sanierer des 1. FC Kaiserslautern, René C. Jäggi, angesichts des Liga-Schuldenbergs von geschätzten 400 bis 500 Mill. ?.

Während der souveräne Meister Bayern München schon nach 30 Spielen gekürt wurde, bezog die Liga die Spannung im Endspurt allein aus dem dramatischen Abstiegskampf und dem Rennen um die Europapokalplätze. Am letzten Spieltag erwischte es erneut Arminia Bielefeld. Die Ostwestfalen müssen nach dem 0:1 gegen Hannover 96 wie der 1. FC Nürnberg und Energie Cottbus ihr Dasein in der 2. Liga fristen. Doch die Tränen nach dem 6. Abstieg waren schnell getrocknet. Coach Benno Möhlmann will den "Betriebsunfall" umgehend korrigieren und peilt den Wiederaufstieg mit Bielefeld an: "Es wird kein leichtes Unterfangen."

Bayer Leverkusen verhinderte mit dem 1:0 in Nürnberg doch noch die Horror-Vision Abstieg. Ausgerechnet der beim "Club" vor Wochen gefeuerte Trainer Klaus Augenthaler erfüllte an alter Wirkungsstätte die Mission mit Bayer. "Das ist schizophren. Letztes Jahr habe ich hier nach einem Sieg gegen Leverkusen den Klassenerhalt geschafft. Jetzt stehe ich auf der anderen Seite und werde von den Bayer-Fans gefeiert", meinte Augenthaler.

Große Emotionen auch am Bökelberg, wo Borussia Mönchengladbach mit dem 4:1 über Werder Bremen die letzten Zweifel am Klassenverbleib beseitigte und eine Riesenparty inszenierte. Gemeinsam mit Ex-Trainer Hans Meyer feierten dessen Nachfolger Ewald Lienen, 30 000 Fans und die überglücklichen Akteure den Saisonabschluss. "So etwas habe ich in meiner langen Karriere noch nicht erlebt. Das ist einmalig. Da möchte man gar nicht mehr weg", jubelte Lienen Arm in Arm mit Meyer. Ein Happy End gab es auch bei der Berliner Hertha, die nach dem 2:0 über Kaiserslautern neben dem HSV und dem Pokalfinalisten aus der Pfalz als dritter deutscher UEFA-Cup-Teilnehmer feststeht.

Katzenjammer herrschte beim TSV 1860 München, das mit dem 2:4 gegen den besten Aufsteiger VfL Bochum den UI-Cup verspielte, sowie beim Vorjahresmeister Borussia Dortmund. "Der dritte Platz ist eine Riesenenttäuschung", gestand Matthias Sammer nach dem blamablen 1:1 gegen Cottbus, bei dem die Millionen-Elf erneut ihr Potenzial nicht ausschöpfte. Doch weder der BVB-Trainer noch Manager Michael Meier wollen sich die ganze Saison kaputtreden lassen: "Bayern hat im Vorjahr auch Platz drei belegt. Das ist Leid auf hohem Niveau."

Lachender Zweiter ist die laut Franz Beckenbauer "positivste Überraschung" der Saison. Der VfB Stuttgart zog statt des BVB direkt in die Champions League ein. Doch den Schwaben (2:0 gegen VfL Wolfsburg) könnte das Lächeln gefrieren, sollten sie Erfolgscoach Felix Magath an den FC Schalke 04 verlieren, der nach einer verkorksten Saison mit dem 1:0 über den FC Bayern einen versöhnlichen Abschluss feierte und das Minimalziel UI-Cup rettete.

Acht Trainerwechsel gab es. Andreas Brehme (Kaiserslautern), Klaus Toppmöller (Leverkusen), Hans Meyer (Mönchengladbach), Wolfgang Wolf (Wolsburg), Peter Pacult (1860 München), Frank Neubarth (Schalke), Klaus Augenthaler (Nürnberg) und Thomas Hörster (Leverkusen) räumten ihren Platz vorzeitig. Die Torjägerkrone teilen sich Bochums Thomas Christiansen und Bayerns Giovane Elber (21 Treffer).

Viele Spieler, die das Geschehen im vergangenen Jahrzehnt prägten, werden die Fans in der am 2./3. August beginnenden Saison 2003/2004 vermissen. Stefan Effenberg, Mario Basler, Andreas Möller, Thomas Häßler oder Michael Preetz beenden ihre Karriere oder lassen sie irgendwo ausklingen. "Es ist schade, dass wir immer mehr solche Typen verlieren", bedauert Magath den "Aderlass".

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