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Über das Lesen von dienstlichen E-Mails im Urlaub

"Iiiihh" kreischte es gestern aus der Redaktionsstube nebenan. "693 Mails". Was war passiert? Eigentlich nichts aufregendes: der Kollege von nebenan war in Urlaub und gerade mal zehn Arbeitstage weg gewesen. Währenddessen hatte sich die tägliche E-Mail-Flut aufgestaut und wartete jetzt geduldig darauf, abgearbeitet zu werden. Und unerbittlich.

Einfach alles löschen? Kein Alternative. Wer weiß, welche superwichtige Nachricht darunter wäre - deren Urheber dann jedenfalls zutiefst beleidigt wäre, weil er keine Antwort bekommen hat. Oder Neuigkeiten, die man einfach kennen muß, um mitreden zu können.

Wieder hörte ich von nebenan einen entnervten Aufschrei: "Neeeiiiin, jetzt bekomme ich kein Mail mehr raus." Das kenne ich nur zu gut: Das Martyrium ist damit auch noch fest zementiert: Erst wenn der Berg deutlich abgeschmolzen ist, bewegt sich wieder etwas auf dem Datenhighway. Denn das Schlimmste an dieser Situation ist: Solange die 693 E-Mails im Posteingang schmoren, tut sich nichts mehr - der Computer lässt keine einzige Antwort-Mail mehr raus, kein noch so kleines E-Mail verlässt den PC.

Es gibt also kein Entrinnen, die ersten Stunden nach dem Urlaub sind verplant. Nur eins ist auch klar: Diese Stunden ruhigen Abarbeiten gönnt einem ohnehin niemand. Alle, die ein Ansinnen für den Urlaubsheimkehrer haben, legen sich dies gleich für den ersten Tag schon mal "auf Termin" - um ihn gleich anzurufen, gleich bei ihm vorbeizuschauen oder ihm gleich diese oder jene Aufgabe zu übertragen. Abgesehen von der normalen Post, die sich gestapelt hat. Die ist übrigens plötzlich wieder ganz symphatisch: sie liegt einfach nur da, sie behindert nichts und lässt sich sogar notfalls nach Hause mitzunehmen.

Kein Wunder also, dass viele Leute ihre Dienst-E-Mails auch im Urlaub oder am Wochenende lesen und beantworten. Die Gartner Group fragte nach und wartete jetzt mit einem Umfrageergebnis aus USA auf: 42 % aller Arbeitnehmer rufen dort ihre E-Mails auch im Urlaub regelmässig ab, am Strand, im Gebirge oder zu Hause.23% der Angestellten sind besonders pflichteifrig und bearbeiten sogar jedes Wochenende ihre Mails.

Die Experten von Gartner haben auch gleich untersucht, ob die E-Mails denn auch tatsächlich so dringlich sind, oder ihre Empfänger doch eher neurotische Attitüden pflegen. Das Ergebnis: 27% der elektronischen Briefe schreien nach sofortiger Antwort, 34 % dagegen sind unnötig. Das Problem ist nur: Die wichtigen müssen erst einmal als solche enttarnt werden. Zeitaufwändig. Denn schon an einem normalen Arbeitstag wendet ein amerikanischer Arbeitnehmer im Durchschnitt 49 Minuten für seinen E-Mail-Verkehr auf. 53% checken ihren E-Mail-Eingang mindestens sechsmal am Tag, 34% behalten ihr E-Postfach gleich andauernd im Auge.

Und, ich gebe es zu: Auch ich habe klein beigegeben - und sichte im Urlaub die E-Mails. Die Familie verzeiht es mir, mild nachsichtig lächelnd. Im Urlaub nehmen sie es gerade mal hin, fünfzehn Minuten am Tag auf mich zu verzichten. Aber keine Minute mehr.

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