Über das schwierige Verhältnis zwischen der Weltpresse und den Behörden in Pakistan
Journalisten leben in Pakistan derzeit im goldenen Käfig

Bei der Berichterstattung über die Lage in Pakistan fühlen sich Journalisten internationaler Medien in diesen Tagen wie im goldenen Käfig. Zusammengepfercht in einem vornehmen Hotel der unweit der Grenze zu Afghanistan gelegenen Stadt Quetta bietet sich ihnen aller Komfort - nur nicht die nötige Bewegungsfreiheit, die sie für ihre Arbeit brauchen.

ap QUETTA/PAKISTAN. Das "Serena" in Quetta liegt auf einem ansehnlichen Grundstück. Zum Mittagessen fahren die Hotelangestellten ein reichhaltiges Buffet auf. Und dann gibt es noch ein massives Eingangstor. Dort wacht ein hoher Polizeibeamter mit einer Stimme, die schon im normalen Tonfall ausreichen würde, um eine Schiffsbesatzung im größten Hurrikan sicher durch Untiefen zu leiten. Überhaupt nicht verstehen kann er aber, dass jemand freiwillig in die Stadt will, wo es seit Beginn der US-Luftangriffe auf Afghanistan jeden Tag zu militanten Protesten aufgebrachter Einwohner und Flüchtlinge kommt.

Wenn es in der Stadt unruhig ist, was seit dem 11. September der Normalzustand in Quetta ist, bleiben die großen Tore des Hotels geschlossen. Wenn es zeitweise still ist, dann dürfen die Journalisten das Hotel verlassen. Aber nur, solange sie in Begleitung eines Polizisten bleiben, dessen einschüchternde Präsenz jeden Bewohner von Quetta davon abhält, das zu sagen, was er wirklich denkt.

Am Montag aber kam es zur Revolte. Die Pressefotografen kletterten über eine Mauer, die Reporter hinterher. Bald aber wurden die Journalisten von Polizisten gestoppt. Erst nach einigem zornigen Hin und Her wurde ihnen erlaubt, unter strenger Eskorte einige Schäden der Ausschreitungen anzuschauen und mit einigen wenigen Einwohnern zu sprechen. Am Dienstag erreichten die Reporter der "New York Times" sowie der Nachrichtenagenturen Associated Press und Reuters beim Obersten Gericht eine Verfügung, mit der die Polizei angewiesen wurde, die Medienvertreter bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Dies sorgte für einige Heiterkeit, hatte sonst aber keine spürbare Auswirkungen.

Dann kam es am Mittwoch zur Affäre mit dem großen Konvoi. Eine Abordnung wütender Journalisten wurde beim Innenminister der Provinz Baluchistan vorstellig. Der gewährte ihnen schließlich die Erlaubnis, in einem Konvoi zum 120 Kilometer entfernten Grenzort Chaman zu fahren - natürlich begleitet von schwer bewaffneten Bereitschaftspolizisten. So brachen am Vormittag etwa 30 Fahrzeuge mit Reportern, Fotografen und Kamerateams in Richtung Grenze auf. Nach nicht einmal 30 Kilometern war die Fahrt zu Ende: In der Nähe des Flüchtlingslagers Saranan stellten sich ihnen 600 Afghanen entgegen. Ein paar Flüchtlinge hatten Steine in der Hand, einige riefen "Tod für Amerika". Viele aber lächelten. Trotzdem machte der halbe Konvoi sofort kehrt und fuhr zurück.

Die anderen Fahrzeuge wurden von der Menschenmenge umgeben und standen herum, bis die Fahrer den Rückwärtsgang einlegten. "Dies war das erste Mal, das ich von einem Haufen Kinder und alter Leute vertrieben worden bin", sagte der CBS-Reporter Allen Pizzey, der seit 26 Jahren in allen Krisengebieten unterwegs ist. "Und dann sagt mir die Polizei noch, das dies nur zu meiner eigenen Sicherheit ist." Pizzey vermutet, dass der Auftritt der Flüchtlinge bestellt war. Wie könnte sonst ein Haufen heruntergekommener Flüchtlinge zwei Dutzend Polizisten mit Sturmgewehren abschrecken?

Als dann alle wieder sicher hinter den Hoteltoren zurück waren, schien der herrische Polizeioffizier am Eingang amüsiert. "Seit zwei Wochen sage ich Ihnen, dass es nicht sicher ist", erklärte er dem CNN-Reporter. "Jetzt glauben Sie mir vielleicht", fügte er hinzu und brach in lautes Lachen aus. Nach dieser anschaulichen Demonstration der draußen lauernden Gefahren waren die Presseleute einmal mehr in ihrem goldenen Käfig eingeschlossen.

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