Über den Jahrgang 2004
Wunschzettel zur Weinlese

Einen Fan hat der Weinjahrgang 2004 schon. Ute Michalsky. Die Weinchemikerin leitet in Nierstein ein Fachlabor, das in Rheinhessen eine Institution ist.

"Ich habe wohl noch nie in meinem Leben so viel Traubensaft getrunken wie in diesen Wochen. Der schmeckte einfach zu gut - herrliche Fruchtaromen und Mineralien", sagt die kleine Frau, deren fröhliche Energie ungemein ansteckend wirkt. Michalsky analysiert nicht nur Most und Wein, sie hat auch ein Ohr für kellertechnische und oft genug für persönliche, familiäre Probleme. Und so gehört sie zu den bestinformierten Menschen in der Region.

Es kommt also aus berufenem Munde, wenn sie für den jungen Jahrgang schwärmt: "Der wird ganz toll, frisch und fruchtig, aber mit Tiefgang. Die Mostgewichte sind erstaunlich hoch. Die liegen nur knapp unter denen von 2003. Doch diesmal ist die Säure knackig. Es wird Weine geben, von denen man gerne eine ganze Flasche trinkt."

In Rheinhessen sind die Winzer denn auch gut gestimmt, zumindest die Könner unter ihnen. Lange Gesichter machen nur jene Unbelehrbaren, die riesige Mengen vom roten Dornfelder geerntet haben und nun fassungslos zuschauen, wie der Markt für diese Modesorte zusammenbricht.

Deutschlands größtes Weinbaugebiet, gelegen im Dreieck Bingen- Mainz-Worms, hatte in diesem an sich verregneten Jahr viel Glück. Im Frühsommer, als die Reben auf ausgedörrten Böden dürsteten, kamen ausreichend Niederschläge. Im Herbst, als es anderswo schauerte, war das Wetter in Rheinhessen beständig. "Alles, was die Winzer auf ihre Wunschzettel geschrieben hatten, ging in Erfüllung", freut sich Thomas Schätzel vom Weingut Kapellenhof in Selzen.

Es wurde extrem spät gelesen. Anders als im hitzigen Vorjahr, als die Trauben schon nach 90 Tagen reif waren, zog sich diesmal die Lese bis in den November hin. Den Reben blieb viel länger Zeit, um Geschmacksstoffe aus dem Boden zu holen. "Wir hätten die Trauben noch länger hängen lassen können. Sie waren völlig gesund", berichtet Winzer Werner Hiestand aus Uelversheim. "Doch dann fielen Stare in riesigen Schwärmen ein. Die hätten uns alles weggefressen."

Es wird süffigen Weiß- und Grauburgunder geben, ebenso Silvaner, der in Rheinhessen so fein gerät. Auch die Spätburgunder-Trauben wurden vollreif und völlig gesund geerntet.

Nur für Riesling ist Rheinhessen großenteils zweitrangig. Die königliche Sorte gerät anderswo besser. Zum Beispiel im Rheingau und an der Nahe. Obwohl das Wetter im Oktober überwiegend unfreundlich war, maßen die Winzer mit ihren Refraktometern Reifewerte von mehr als 90 Grad Öchsle. Das reicht schon, um "Auslese" aufs Etikett zu schreiben. Die Säuren liegen hoch, sind aber reif - und werden von reichlich Mineralien eingebunden. Viel Kalium lässt den Geschmack runder und weicher erscheinen.

"Schon erstaunlich", meint Franz Werner Michel vom Domdechant Werner?schen Weingut in Hochheim am Main, "früher hätten wir nach diesem kühlen Sommer und regnerischen Herbst den Jahrgang als klein und sauer abgehakt." Doch Zweierlei hat sich geändert. Die durchschnittlichen Temperaturen liegen um ein bis anderthalb Grad höher noch als in den Achtzigern. Und die Winzer geben sich erheblich mehr Mühe. Sie drosseln die Erträge, schneiden im Sommer überschüssige Trauben heraus und entfernen im Herbst alles, was nicht reif geworden ist.

In den südlichen deutschen Anbaugebieten, in der Pfalz und in Baden, war das Wetter während der Lese unbeständig. Die Erzeuger hatten erheblich mit Fäulnis zu kämpfen. Doch wer sauber ausgelesen hatte, brachte eine gute Ernte in den Keller. Ähnlich sieht es an der Mosel aus. Dort war der Herbst überwiegend unfreundlich, kalt und nass. Doch am Ende stimmten die Mostgewichte. Es wird dort endlich wieder angenehm leichten Kabinett-Riesling geben.

Rundum zufrieden sind wieder einmal die Ahr-Winzer. Sie genießen die globale Erwärmung, die ihnen seit Jahren großartigen Spätburgunder beschert. Auch aus Franken und Ostdeutschland ist allgemein von einem guten 2004er die Rede.

Die österreichischen Winzer hingegen sind betrübt. Der Herbst war regnerisch und dabei viel zu warm. Sie konnten gar nicht so rasch ernten, wie ihnen die Trauben an den Rebstöcken wegfaulten.

Dafür Jubel in ganz Italien von Bozen bis Brindisi. Die Viticoltori im Piemont wie in der Toskana stellen den neuen Jahrgang noch über den ohnehin schon hoch gelobten 2003er. Die Trauben enthielten diesmal genauso viel Zucker, waren aber viel langsamer gereift, so dass noch mehr geschmackliche Fülle und Finesse zu erwarten sind. Die alte Regel in Norditalien - "San Martino ogni mosto é vino" - stimmte diesmal überhaupt nicht: An St. Martin fing mancher Most erst allmählich zu gären an.

In Spanien und in Frankreich ist der neue Jahrgang eher mittelmäßig geworden. Vielerorts regnete es während der Lese. Das Bordelais hatte noch leidlich Glück. Vor allem war der Herbst in der ganzen Region seit langem ausgeglichen. Die Merlot- Winzer am rechten Ufer der Gironde sind ebenso zufrieden wie ihre Kollegen im Médoc, wo der Cabernet-Sauvignon vorherrscht.

Sorgen bereiten aber die großen Mengen. Die reiche Ernte trifft auf volle Keller und auf eine schwindende Nachfrage. Das gibt Anlass zu heftigen Spekulationen um die Preise.

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