Über Derivate können Anleger Vorteile der Schwankungsfreudigkeit eines Wertes mitnehmen
Niedrige Volatilitäten nutzen

Anleger fürchten die Volatilität eines Investments. Wenn dessen Wert stark schwankt, verliert der Investor unter Umständen Geld bei einem Verkauf. Doch wer die komplexen Zusammenhänge durchschaut, kann mit Schwankungen "spielen". Derivate zum Beispiel bieten eine Möglichkeit, Veränderungen der Volatilität zu nutzen.

Während eine hohe Volatilität noch vor anderthalb Jahren meist als Ausdruck großer Unsicherheit empfunden wurde, rückt die sogenannte "Vola" in letzter Zeit immer stärker in das Blickfeld von Investoren. Einige Anleger möchten das "Angstbarometer" nicht mehr nur als Indikator verwenden, sondern als eigenen Basiswert für die Investitionsentscheidung nutzen. Trader und Investoren sollten jedoch den nach wie vor entscheidenden Einfluss auf den Preis von Standard-Optionsscheinen nicht vergessen.

Die Volatilität ist ein statistisches Maß für die Schwankungsfreudigkeit des jeweiligen Basiswertes, auf die sie sich bezieht. Sie wird in Prozent gemessen und gibt keinen Hinweis auf die Richtung der Kursbewegung des Basiswertes. Im Wesentlichen sollten Anleger zwischen der historischen und der impliziten Volatilität unterscheiden.

Historische Volatilität

Die historische Volatilität lässt sich in der Rückschau exakt berechnen. Dazu werden die täglichen Kursschwankungen innerhalb eines bestimmten Zeitraums ermittelt. Aus diesen einzelnen Werten lässt sich die historische Volatilität ableiten. Sie enthält jedoch keine verbindliche Aussage für Anleger im Blick auf die zukünftigen Kursschwankungen eines Basiswertes, da solche Erwartungen nicht in die Berechnung mit einfließen.

Implizite Volatilität

Die implizite Volatilität wird anhand der am Optionsmarkt notierten Preise ermittelt. Die ermittelten Werte stellen eine Art "Volatilitätskonsens" des Marktes dar, da die Preise sich am Markt natürlich nach Angebot und Nachfrage richten und die Transaktionen der verschiedenen Marktteilnehmer die Preise beeinflussen. Die Maßzahl "implizite Volatilität" ermöglicht Preisvergleiche verschiedener Optionen oder Optionsscheine und kann auf diese Weise eine wichtige Hilfe im strategischen Entscheidungsprozess darstellen.

Volatilität als Index gemessen

Für den Dax beispielsweise wird die implizite Volatilität durch den VDax ausgedrückt. Der VDax gibt an, welche Volatilität in den kommenden 45 Tagen für den Dax zu erwarten ist. Im Juli dieses Jahres hat der VDax mit einem Indexstand von 16,3 Prozent ein neues Sechs-Jahres-Tief markiert. Noch 2002 war ein Indexstand von 50 Prozent keine Seltenheit. Bei der Volatilität von Einzelaktien zeigt sich ein ganz ähnliches Bild. Für viele Anleger erscheint daher ein Engagement in eine steigende Volatilität attraktiv.

Die Einstellung des Volax, des Terminkontrakts auf den VDax, im Jahre 1998 führte leider dazu, dass eine direkte und marktgerechte Partizipation an der Volatilität des Dax nicht möglich ist. Aber Anleger können auch mit den bekannten Standard-Optionsscheinen an der Volatilität partizipieren.

Volatilität beeinflusst Preise der Optionsscheine

Und hier kommt die Preisbildung von Optionsscheinen ins Spiel. Neben dem aktuellen Kurs eines Basiswertes ist unter anderem die implizite Volatilität ein entscheidender Faktor für die Preisbildung eines Optionsscheines. Als Faustformel lässt sich angeben: Je höher die implizite Volatilität, desto höher der Preis des Optionsscheins (bei sonst gleichen Bedingungen). Anders ausgedrückt: Je höher die erwartete Schwankungsbreite des Basiswertes, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass starke Schwankungen den Kurs des Basiswertes in die für die positive Wertentwicklung eines Optionsscheines "richtige" Richtung bringen.

Das genaue Verhältnis zwischen der Änderung der impliziten Volatilität und des Wertes eines Optionsscheines wird durch die Kennzahl "Vega" ausgedrückt. Das "Vega" gibt an, um welchen Betrag sich der theoretische Wert eines Optionsscheins bei Konstanz aller weiteren Bewertungsparameter verändert, wenn die Volatilität des Basiswerts um einen Prozentpunkt steigt bzw. fällt. Beispiel: Bei einem Optionsschein mit einem Wert von 6,10 Euro und einem "Vega" von 0,20 bedeutet der Anstieg der impliziten Volatilität um ein Prozent einen theoretischen Anstieg des Optionsscheines um 0,20 Euro auf 6,30 Euro.

Basiswert bleibt entscheidend

Optionsscheine, deren Basiskurs sich in der Nähe des aktuellen Kurses des Basiswertes befindet ("am Geld") und eine lange Restlaufzeit besitzen, weisen in der Regel das höchste "Vega" auf. Will ein Anleger von einer steigenden Volatilität profitieren, so könnte er ein möglichst hohes "Vega" als Auswahlkriterium heranziehen (unter sonst gleichen Bedingungen). Auf keinen Fall sollte allerdings die persönliche Einschätzung hinsichtlich der Kursentwicklung des Basiswertes außer Acht gelassen werden. Diese individuelle Marktmeinung sollte das maßgebliche Entscheidungskriterium bei der Auswahl eines Wertpapiers bzw. eines Optionsscheines sein.

Da das "Vega" für Put und Call identisch ist, sollten sich Trader und Investoren über die eigene Positionierung klar werden. Als Indiz kann lediglich die Tatsache dienen, dass Abwärtsbewegungen meist schneller und heftiger verlaufen als Aufwärtsbewegungen und dass heftige Kursbewegungen tendenziell eine höhere Volatilität nach sich ziehen. Da zum Laufzeitende hin der Einfluss der impliziten Volatilität auf den Optionsscheinpreis abnimmt, ist ein langfristiges Volatilitätsinvestment mit einem Optionsschein nicht ratsam. Anleger sollten daher das Vega eines Optionsscheines über die Laufzeit im Auge behalten und gegebenenfalls in ein vergleichbares Produkt mit längere Laufzeit und einem höheren Vega wechseln, sofern dieses der Anlagephilosophie des Anlegers entspricht.

Volatilität bei der Anlageentscheidung nutzen

Übrigens können Anleger tendenziell auch von hohen Volatilitäten profitieren. So nehmen Discountzertifikate an Wert zu, wenn die implizite Volatilität des Basiswertes sinkt (unter sonst gleichen Bedingungen). Eine mögliche Strategie könnte die Wahl eines Discountzertifikates sein, dessen Basiswert (zum Beispiel eine Aktie) zwar kurzfristig einen hohen Anstieg der impliziten Volatilität aufweist, die aus Anlegersicht jedoch mittel- und langfristig wieder fallen könnte. Ein Anstieg der impliziten Volatilität kann beispielsweise in aktuellen Nachrichten begründet sein, wenn die Marktteilnehmer darauf heftig reagieren.

Fazit: Ein unbefristetes direktes Investment in Volatilität ist für Anleger in Deutschland bislang noch nicht umsetzbar. Allerdings bieten Derivate eine Möglichkeit, behelfsmäßig an Volatilitätsveränderungen zu partizipieren. Die eigene Erwartung hinsichtlich der Entwicklung der Volatilität kann aber nur als weiterer Parameter im Rahmen einer Investitionsentscheidung hinzu gezogen werden und sollte keinesfalls als Einzelkriterium dienen.

Matthias Hüppe ist Experte im Bereich Business Development Retail Products bei HSBC Trinkaus & Burkhardt

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