Über die weitere Zinspolitik der EZB besteht Uneinigkeit bei Experten
Kein Zinsschritt am Donnerstag erwartet

Wenn der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag in Maastricht zusammenkommt, kann er die historische Stätte frei von allem Erwartungsdruck genießen. Märkte, Volkswirte und Analysten rechnen überwiegend nicht mit einer Änderung der Euro-Leitzinsen.

FRANKFURT/M. Die weitere Entwicklung sehen die Experten freilich sehr unterschiedlich: 26 von 43 Analysten, die von der Nachrichtenagentur Reuters befragt wurden, gehen bis Juni von einer weiteren Zinssenkung aus. 17 erwarten dagegen als nächsten Schritt eine Erhöhung. Seit Anfang November liegt der Schlüsselzins bei 3,25 %.

Die EZB hat in ihrem Januar-Monatsbericht bekräftigt, dass sie dieses Zinsniveau für angemessen hält, um auf mittlere Sicht Preisstabilität zu gewährleisten. In dem rasanten Geldmengenwachstum der vergangenen Monate sieht sie keine Inflationsrisiken. Zudem belegen die Dezember-Zahlen für das Wachstum der Geldmenge M3 (Bargeldumlauf und Sichteinlagen, Termingeld und bestimmte Sparguthaben), dass sich das Tempo des Wachstums zumindest nicht weiter erhöht hat. Die Wachstumsrate der Kredite an private Haushalte und Unternehmen ist zudem erneut zurückgegangen.

Die Konjunkturperspektiven für den Euro-Raum beurteilt die Notenbank verhalten. "Es gibt gute Chancen, dass die EZB noch was macht - mit großer Wahrscheinlichkeit im März", sagt Ulrich Beckmann, Leiter Global Markets Research bei der Deutschen Bank. Für die reale Wirtschaft sei eine weitere Senkung um 25 Basispunkte ohne Bedeutung, sie habe aber einen psychologischen Effekt. Sie wäre "eine Art Versicherung", dass die aktuelle Stimmungsverbesserung auch durch die Notenbank untermauert werde. Bis sich die verbesserte Stimmung auch real niederschlägt, wird es Beckmann zufolge noch eine Weile dauern.

Mit einem Anziehen der Konjunktur rechnet er erst im zweiten Halbjahr, vielleicht schon im zweiten Quartal. Die Inflationsrate im Euro-Raum sei im Januar mit 2,5 % niedriger ausgefallen als erwartet. Von der Tariffront erwartet Beckmann keine Inflationsgefahr: "Ich vermute, dass die Abschlüsse letztlich zwischen 33 % und 50 % der ursprünglichen Forderungen liegen werden, in diesem Jahr eher bei 33 %." Sollte die EZB nicht bald eine Zinssenkung wagen, ist für Beckmann der Zinssenkungszyklus beendet.

Für Michael Heise, Chefvolkswirt der DZ Bank, wäre eine weitere Rückführung der Leitzinsen um 25 Basispunkte im ersten oder zweiten Quartal auch realwirtschaftlich nötig. "Ich teile die Auffassung, dass wir die Talsohle der Konjunktur erreicht haben und dass es ab dem zweiten Quartal langsam wieder aufwärts geht", sagt Heise. Die Erfahrung aus früheren Zyklen zeige aber, dass die Zinsen nach einem Konjunkturtief nicht sofort wieder erhöht würden. Im Gegenteil: Die Notenbanken hätten früher mehrfach die Zinsen weiter gesenkt. Das gelte für die Bundesbank noch stärker als für die US-Notenbank Fed. Der Zinssenkungsspielraum komme dadurch zu Stande, dass die Inflationsraten in aller Regel auch nach der Konjunkturwende noch für einige Quartale zurück gingen.

"Ein Umfeld, gekennzeichnet durch eine konjunkturelle Belebung ohne drastische Zinssteigerungen ist positiv für die Aktienmärkte", merkt Heise an. Aktuell überschätzten die Märkte allerdings die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung.

Skeptischer als Heise und Beckmann schätzt Dieter Wermuth, Chefvolkswirt der japanischen Großbank UFJ, die Konjunkturlage ein. Wegen des Stabilitäts- und Wachstumspaktes sei mit einer Lockerung der Staatsausgaben - vor allem in Italien und Deutschland - nicht zu rechnen. Der Lagerabbau sei nicht weit genug voran gekommen; die Investitionen blieben schwach, weil noch Überkapazitäten bestünden. Zudem werde die Inflationsrate im Jahresschnitt 2002 niedriger ausfallen als allgemein erwartet. Im Verlauf könnte sie unter 1 % fallen. "Ich sehe die Leitzinsen bis Herbst in drei Schritten auf 2,5 % zurückgehen", folgert Wermuth. Die erste Senkung erwartet er im April oder Mai.

Anders urteilt Holger Schmieding von der Finanzberatung "Macro Europe". "Der nächste Zinsschritt der EZB ist eine Zinserhöhung", sagt er. Schmieding erwartet sie im dritten Quartal, wenn der Aufschwung Tritt gefasst habe: "Die EZB wird dann wohl auf den neutralen Zins von rund vier Prozent gehen wollen und gehen müssen." Als neutral gilt ein Zins, der das Wachstum im Euro-Raum weder abbremst noch beschleunigt.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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