Über "gute" und "böse" Raketen
US-Raketenabwehr: Keiner weiss, wie es funktionieren soll

Der US-Plan einer nationalen Raketenabwehr wirft Fragen über Fragen auf: Wie wird das System technisch funktionieren? Kann es überhaupt funktionieren? Welche Flugkörper werden wo vernichtet? Wieviel kostet das System? Und welche Folgen kann es auf die internationalen Abrüstungsverfahren haben? Nicht einmal die Amerikaner wissen die Antworten.

ap WASHINGTON. Es ist wie so oft im Leben: Alle reden und streiten darüber, doch keiner weiß so richtig Bescheid. Nicht einmal die Amerikaner selbst wissen bisher, wie ihr bislang nur in den Köpfen einiger Strategen vage skizziertes nationales Raketenabwehrsystem (NMD) technisch funktionieren soll, ob es überhaupt funktionieren kann, welche Flugkörper es wo vernichten soll, wie viel es kosten wird und welche Folgen es für das Geflecht internationaler Abrüstungsvereinbarungen haben kann.

Die Bestätigung für diesen Sachstand erhielt Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping am Donnerstag im Gespräch mit seinem neuen amerikanischen Kollegen Donald Rumsfeld. Dort wurden die NMD-Pläne, die in Europa für heiße Diskussionen sorgen, in aller Ruhe als ein Thema unter anderen erörtert.

Für Entscheidungen ist es noch zu früh

Beide Minister waren sich einig, dass es für Entscheidungen irgendwelcher Art zu früh ist. Ganz zu schweigen von dem öffentlich bekundeten Wunsch Bundeskanzler Gerhard Schröders, die Deutschen an der Entwicklung der für NMD benötigten Hochtechnologie zu beteiligen - derartige Überlegungen seien dem Sachstand "acht Schritte voraus", formulierte Rumsfeld in die Mikrofone der Medien.

Dabei waren sich Scharping und Rumsfeld in der zu Grunde liegenden Bedrohungsanalyse durchaus einig. Auch die deutschen Geheimdienste haben schließlich Hinweise darauf, dass beispielsweise Iran sich bemüht, die Reichweiten seiner Raketen zu erhöhen, von stationären Abschussrampen zu flexiblen Systemen übergeht und offenbar auf atomare Sprengköpfe setzt. Kein Politiker kann ruhig schlafen, wenn er weiß, dass ähnliche Bemühungen auch in den so genannten unberechenbaren Staaten wie Irak, Nordkorea und Pakistan im Gange sind. Und europäische Politiker können schon gar nicht beruhigt sein bei der Vorstellung, da solche Raketen im Ernstfall sehr viel schneller in Europa als in Amerika wären.

Gefahr drohe aus dem Iran, Irak, Nordkorea und Pakistan

Geteilt wird diese Bedrohungsanalyse im übrigen auch von den Russen. Das haben amerikanische wie deutsche Sondierungen in Moskau ergeben. Einen Unterschied gibt es lediglich bei der Einschätzung der Dringlichkeit von Gegenmaßnahmen: Während die Russen dem Vernehmen davon ausgehen, dass die Raketen in den "Schurkenstaaten" erst in sechs bis acht Jahren abschussbereit sein werden, gehen die Amerikaner von einer kürzeren Zeitspanne aus.

Bleibt die bislang unbeantwortete Frage, wie der Bedrohung zu begegnen ist. Die Europäer hat Rumsfeld mit der Versicherung beruhigt, dass das "N" im Kürzel NMD gestrichen wird - den Begriff "national" im Zusammenhang mit Raketenabwehr halte er für "wenig nützlich". Bleibt noch das Problem, dass Russland in den Plänen eine Verletzung des ABM-Vertrages von 1972 sieht.

In den letzten Wochen haben sich im übrigen die Anzeichen dafür verdichtet, dass die USA und Russland, wenn sie schon die Bedrohung weitgehend gleich einschätzen, auch bei ihrer Abwehr zusammenarbeiten könnten. "Der Spiegel" berichtete unlängst von dem amerikanischen Angebot an Moskau, anstelle des NMD-Projekts ein gemeinsames Frühwarnsystem aufzubauen, das Abfangraketen in verschiedenen Regionen miteinander vernetzen soll - statt NMD dann BMD, ein "Ballistic Missile Defense"-System, bei dem die beiden Atommächte aber jede für sich den Finger am Abschussknopf behalten würde.

"Böse" und "gute" Raketen

Scharping plädiert im übrigen dafür, diese Probleme in Ruhe auszudiskutieren, erst alle sicherheitspolitischen Aspekte zu klären, danach die technischen Probleme zu lösen. Zeit genug, so der Minister, sei in jedem Fall vorhanden, um rechtzeitig die "guten" Raketen einsatzbereit zu haben, bevor die "bösen" auf den Abschussrampen stehen.

Als Sofortmaßnahme hat der Minister ohnehin ein anderes Projekt parat, das am Donnerstag im Gespräch mit Rumsfeld schon ganz konkrete Formen hatte: Das "Meads"-Projekt (Medium Extend Air Defense System), ein amerikanisch-deutsch-italienisches Gemeinschaftsprojekt zur Abwehr von Mittelstreckenraketen, ist so gut wie unterschriftsreif. Es soll Flugzeuge, Marschflugkörper sowie Raketen bis 1 000 Kilometer Reichweite abfangen können. Als Rakete für das Programm haben die Amerikaner die Pac-3 entwickelt, eine Weiterentwicklung der "Patriot"-Rakete. 120 Mill. DM in den nächsten drei Jahren hat Scharping in seinem Haushalt für das System vorgesehen.

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