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Überall ist Verrat

Ein ehemaliger BND-Mann schreibt ein Buch: Es ist weniger das Werk eines Aussteigers als das eines Ausgegrenzten

Ein Hauch von Landesverrat muss schon in der Luft liegen, wenn sich ein Agentenbuch verkaufen soll. Das dachte sich wohl auch der Ullstein Verlag, als er "Bedingt dienstbereit" auflegte. So viel kreischende Geheimnistuerei gab es selten: keine Fahnen für Rezensenten, keine Vorabexemplare für Redakteure. Alarmstufe I. Gewiss doch: Zum ersten Mal packt ein Insider, ein Ex-BND-Agent über 400 Seiten Interna aus. Prompt, will der alarmierte Bundesnachrichtendienst (BND) das Erscheinen verhindern und erstattet Anzeige. Prompt ermittelt der Generalbundesanwalt. Und rechtzeitig zur Auslieferung wird in Verlagsräume eingebrochen. Ein Abgrund von Werbung!

Möglicherweise wird ein emsiger Staatsanwalt noch fündig bei der Suche nach dem vom BND befürchteten Verrat von Dienstgeheimnissen. Immerhin plaudert der Autor, Norbert Juretzko, nicht nur munter über 20 Jahre Schmerz und Leid unter dem Schlapphut. Er hat, das gesteht er mit dem Untertitel freimütig ein, eine "Abrechnung" auf Kiel gelegt.

Ob er seine geheimdienstlichen Geh- und Spähversuche in der Nato-Untergrundarmee "Gladio" schildert, Anwerbegespräche von Quellen bloßlegt, Informanten oder Freizeitagenten offenbart, die Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Militärgeheimdienst DIA beschreibt und die Ausspähung eines russischen Atomtransports auf Rügen nachinszeniert - der frühere BND-Hauptmann erzählt unterhaltsame Storys aus den 80er- und 90er- Jahren. Außer jenen, die sich wiederfinden, wird das niemanden erregen. Und nur wer dem Glauben anhängt, Geheimdienste seien an das Legalitätsprinzip gebunden, wird dabei den "Thrill" wohligen Schauderns empfinden. Eine Ausnahme ist der Fall, der den Autor wohl zu seinem "Enthüllungsbuch" getrieben hat: sein eigener. Juretzko wurde am 21. Januar 2003 vom Landgericht München wegen Betrugs zu elf Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Bekannt wurde die Angelegenheit zuvor in der Öffentlichkeit als der "Fall Foertsch".

1997 war BND-Abwehrchef Volker Foertsch in den Verdacht geraten, ein Moskauer Top-Agent zu sein. Ein Spion, der aus der Kälte in die BND - Spitze kam. Es war der angebliche Informant Juretzkos mit dem Decknamen "Rübezahl", der die Unterwanderung des BND-Hauptquartiers ausgeplaudert haben sollte. Das "Worst case"-Szenario, der totale Geheimdienst-Gau, schien eingetreten: der BND jahrelang im Griff der Kommunisten und Ex-Kommunisten.

Doch das dicke Ende kam nicht für Foertsch und den BND, sondern für Juretzko und den BND: Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft ergaben, die kompromittierenden Unterlagen seien das hausgemachte "Produkt eines Fälschers mit nachrichtendienstlichem Wissen". Foertsch wurde rehabilitiert. Reumütig gesteht Juretzko, mit der "Rübezahl"-Nummer 85 000 Euro ergaunert zu haben

Juretzko lässt das offenbar nicht ruhen. Er sieht sich als Opfer einer ungeheuren Verschwörung. "Rübezahls" Vorwürfe seien nur aus übergeordneten Gründen der Staatsraison nie aufgeklärt worden, behauptet er felsenfest bis heute - und schrieb zur Untermauerung dieses Buch. "Bedingt Dienstbereit" ist weniger das Buch eines Aussteigers als das eines Ausgegrenzten.

Bedingt dienstbereit, Ullstein Verlag,

Berlin 2004, 400 Seiten, 24 Euro

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