Überdurchschnittliche Wachstumsraten der Entwicklungsländer reizen die Anlagestrategen
Anleger an den Tigerbörsen brauchen gute Nerven

Wer attraktive Renditen einfahren will, kommt an Schwellenländer-Investments nicht vorbei. Darin sind sich fast alle Fondsmanager einig. Insbesondere Asien gilt als die Wachstumsregion der Zukunft. Laut Experten dürfte SARS den Optimismus nur vorübergehend dämpfen.

HB DÜSSELDORF. "Klippan", das Sofa, kommt aus einer polnischen Fabrik nahe Posen, der Rattanstuhl "Agen" aus einer vietnamesischen Fabrik in Nha Thrang, das niedliche Pferdchen "Stolle" aus dem Norden Chinas. Die Produktionsstätten von Ikea stehen beispielhaft für den Trend, dort herstellen zu lassen, wo die Lohn- und Materialkosten niedrig sind. Über einen Tageslohn von umgerechnet zwei Euro sind vietnamesische Arbeiterinnen schon froh. Von einem "unheimlichen Vermögenstransfer" durch die Produktionsverlängerungen spricht Klaus von Massenbach vom Investmenthaus JP Morgan Fleming. "Die Direktinvestitionen in die Emerging Markets steigen und steigen. Von den Wachstumsraten der Wirtschaft dort können die entwickelten Industrieländer nur noch träumen."

Während Deutschland, immerhin drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, zuletzt mit einem Plus von 0,2 % vor sich hin dümpelte, legten Länder wie Südkorea, Taiwan oder Indien 5 % und mehr zu. Allen voran China - dessen Bruttoinlandsprodukt war im ersten Quartal um 9,9 % gegenüber dem Vorjahr gewachsen.

Fokus liegt auf Asien

Natürlich sind die Emerging Markets mehr als nur die Tigerstaaten Asiens. Südamerika, Afrika und Osteuropa gehören dazu - insgesamt über 100 Länder mit etwa 80 % der Weltbevölkerung. Doch der Fokus der professionellen Investoren liegt mittlerweile eindeutig auf Asien, trotz der Krisen 1997 und 1998. "Südamerika ist schon vom Lohnniveau nicht mehr so interessant", merkt von Massenbach dazu an. In Asien stimme derzeit eben beides: viel Wachstum, geringe Kosten.

Mark Mobius, Star-Fondsmanager bei Franklin Templeton, begründet den Optimismus: "In Asien finde ich die Unternehmen der ersten Welt zu Preisen der Dritten Welt." Die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen hätten sich erheblich verbessert, so Mobius. "Die Länder sind zum Beispiel im Justizwesen sehr viel verlässlicher geworden - und wie die Beispiele Enron und Worldcom zeigen, kann man letztlich nirgendwo vor bösen Überraschungen wirklich sicher sein. Dann investiere ich doch gleich da, wo deutlich mehr Ertrag zu erwarten ist." Trotz größerer Wachstumschancen seien viele Aktien der Region bisweilen sehr günstig zu haben. "Teilweise liegen die Notierungen unter dem Substanzwert - das ist der große Unterschied etwa zu den meisten US-Aktien, die ebenfalls in den vergangenen Jahren stark abgerutscht, aber immer noch teuer sind", so Mobius.

Rund 21 % Verlust wies der Index MSCI Emerging Markets im vergangenen Jahr aus. In dieser Größenordnung lagen auch die durchschnittlichen Einbußen der Fonds (aktuelle Zwölfmonatsabrechnung siehe Tabelle). Der MSCI International mit Schwergewicht auf den Börsen der Industrieländer sackte mit 35 % viel stärker ab.

Konkurrenzlos niedriges Lohnniveau

Für die Zukunft steht China im Mittelpunkt der Investmentstrategien: Wegen des Beitritts zur Welthandelsorganisation (WTO), des konkurrenzlos niedrigen Lohnniveaus und üppiger Wachstumsraten sind die Gewinnchancen groß. Gleichwohl setzt JP Morgan Fleming auf die so genannte "Greater China Story". Von Massenbach erläutert: "China ist zwar der Motor der Region, aber lukrativer sind Investments in Länder, die Geschäfte mit China machen, also dort produzieren oder verkaufen." Er zählt dazu unter anderem Taiwan, Südkorea und Singapur.

Zwar flossen im vergangenen Jahr mit rund 53 Mrd. $ die weltweit höchsten Auslandsinvestitionen nach China. Den Aktien und Börsen dort schenken die institutionellen Anleger aber noch wenig Vertrauen. Die notierten chinesischen Staatsbetriebe gelten nach wie vor als undurchsichtig und wenig effizient. Allerdings treibt die Regierung in Peking Reformen voran.

Unerwartet hat die China-Story nun ein Kapitel bekommen, das vor einigen Monaten selbst in den düstersten Risikoszenarien nicht vorkam: SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome), die verheerende Lungenkrankheit. Vor allem in China, Taiwan und Südkorea sind die Börsen zuletzt erheblich unter Druck geraten. Nach Schätzungen der Weltbank werden die Kosten für die Wirtschaft Ostasiens bei mindestens 15 Mrd. $ liegen. Die Wachstumsprognose für die Region senkte die Weltbank deshalb für 2003 von 5,5 auf 5 %. Am stärksten betroffen von der Seuche sei der Dienstleistungssektor, insbesondere die Branchen Tourismus, Transport und Einzelhandel.

An den langfristigen Perspektiven ändere das nichts, hält Fondsmanager Mobius dagegen. Ähnlich sieht das Wojciech Stanislawski, Fondsmanager bei der Investmentgesellschaft Comgest, die mit dem Magellan Sicav in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich abgeschnitten hat. "Der Einfluss ist begrenzt, wirklich gute Unternehmen werden kaum darunter leiden", so Stanislawski.

Es sind andere Risiken, die die Experten für gravierender halten. Ein wichtiges Thema dabei ist das kommunistische Nordkorea, das mit seinen Raketentests jüngst auf Konfliktkurs ging. "Investoren werden genau beobachten müssen, wie sich die Lage dort entwickelt", meint von Massenbach. Gleichzeitig rät er dazu, die "typischen Probleme einer schnell wachsenden Wirtschaft" im Blick zu haben, so etwa das Risiko von faulen Krediten wie in Japan oder die soziale Entwicklung, etwa eine mögliche Verarmung der Landbevölkerung in China.

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