Überfällige Verjüngung
CSU sorgt sich um die Zeit nach der Wahl

Edmund Stoiber legt sich mächtig ins Zeug in diesen Tagen. "Wir quälen uns für dieses Land", ruft er ins Mikrofon - und die rund 100 Zuhörer auf dem Augsburger Rathausplatz applaudieren höflich. Während die CSU die "heiße Phase" des Landtagswahlkampfs für eröffnet erklärt, hält sich das Interesse der Wähler deutlich in Grenzen.

MÜNCHEN. Längst steht fest, dass der alte Ministerpräsident Stoiber auch der Neue sein wird. Die CSU denkt deswegen schon an die Zeit danach - und zwar mit Sorge. Denn für die überfällige Verjüngung des Führungspersonals im Freistaat fehlen die qualifizierten Leute.

Stoiber selbst steht, obwohl er eine Woche nach dem Urnengang am 21. September seinen 62. Geburtstag feiert, bis auf weiteres nicht zur Debatte. Er regiert unangefochten und denkt nicht im Traum daran, vor Ablauf der fünfjährigen Legislaturperiode im Jahr 2008 - und womöglich noch nicht einmal dann - abzudanken. "Der Edmund", heißt es in seinem Umfeld, "hat doch nichts anderes als die Politik."

Dabei wäre Stoiber für die CSU fast noch am Leichtesten zu ersetzen. Sozialexperte Horst Seehofer (54) könnte den CSU-Chef an der Parteispitze beerben. Und Staatskanzleichef Erwin Huber (57) oder der populäre Innenminister Günther Beckstein (59) könnten ebenfalls die Nachfolge des Ministerpräsidenten antreten, falls sich dieser wider Erwarten doch noch auf den Stuhl des Bundespräsidenten wegloben ließe.

Monika Hohlmeier (41) wäre dann noch nicht im Rennen. Die Strauß-Tochter erfüllt zwar das höchste Qualitätskriterium für einen bayerischen Politiker: Sie füllt problemlos die Bierzelte. Kein geringer Teil der Partei spricht der gelernten Hotelfachfrau allerdings das intellektuelle Format für den politischen Spitzenjob in Bayern ab. Außerdem muss Stoibers Kultusministerin, deren Bruder Max Strauß im Dunstkreis der causa Schreiber Anfang nächsten Jahres wegen Steuerhinterziehung auf der Anklagebank sitzen wird, erst einmal als frischgebackene Bezirksvorsitzende den Saustall CSU München ausmisten. Eine von Stoiber verordnete Reifeprüfung, um die Hohlmeier im Freistaat niemand beneidet.

Nur Kabinetts-Youngster Hohlmeier ist es zu verdanken, dass das Durchschnittsalter von Stoibers Ministern bei knapp über 56 Jahren liegt. Dass in Bayerns Regierung alsbald eine Rentnerband den Ton angeben könnte, gehört zu den Schwachstellen im Herrschaftssystem des Dauerregenten in München. Die Absicherung der Allmacht Stoibers, der für alle Erfolge in Bayern zuständig ist und nur die Misserfolge den andern überlässt, engte bereits den Bewegungsspielraum der Leistungsträger in seiner Truppe ein. Nachwuchskräfte aus der zweiten Reihe kamen erst recht nicht zum Zug.

Im Kern wird Bayern deshalb nach wie vor von den "74-ern" regiert, von CSU-Politikern, die wie Stoiber im Jahr 1974 in den Landtag eingezogen sind: Beckstein, Wirtschaftsminister Otto Wiesheu (58), Finanzminister Kurt Faltlhauser (62), Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (66), CSU-Generalsekretär Thomas Goppel (56) - sie alle gehören dieser bereits legendären CSU-Generation an. Und sie alle sind - bis auf Zehetmair, der freiwillig aufhört - für Stoiber unverzichtbar.

Denn auch nur annähernd gleichwertiger Ersatz ist weit und breit nicht in Sicht. Auf die CSU-Landtagsriege trifft größtenteils das Sprichwort zu, dass unter den Blinden der Einäugige König ist. Die Berufung von Quereinsteigern aus der Berliner oder Brüsseler CSU-Landesgruppe stieße indes auf den erbitterten Widerstand der Münchner Fraktionäre.

Selbst Stoiber fiele es schwer, sich darüber hinwegzusetzen. So sieht in München derzeit alles danach aus, als ob der Bayern-Premier zumindest vorläufig mit seinem "Kabinett der 60-Jährigen" (Beckstein) weitermacht. Stoibers rothaariger Feuerwehrmann an den unternehmerischen Brandherden Bayerns, Otto Wiesheu, dürfte sogar nach dem Vorbild Wolfgang Clements zum Superminister für Wirtschaft und Arbeit befördert werden. Von den Jungen wird wohl nur der bisherige Chef der Jungen Union in Bayern, Markus Söder (36), als künftiger Generalsekretär einen Spitzenjob ergattern.

Stoiber hofft auch darauf, dass sich unter den Neuen - fast ein Viertel der CSU-Landtagsabgeordneten scheidet diesmal aus - der eine oder andere Rohdiamant verbirgt. Ohnehin raten mächtige Einsager dem Freistaatsherrscher dazu, seine Mannschaft erst zur Halbzeit der fünfjährigen Wahlperiode zu erneuern. Denn dann wird Stoiber 65 - und die Nachfolgedebatte erst richtig in Gang kommen. Ein Befreiungsschlag durch eine personelle Zäsur könnte da höchst willkommen sein.

Denn auch unter den Stoiber-Vorgängern Alfons Goppel und Franz Josef Strauß, beide zum Ende ihrer Amtszeit ebenfalls schon über 70 Jahre alt, agierten junge Leute, wie Ex-Parteichef Theo Waigel jüngst süffisant anmerkte. Zum Beispiel Stoiber.

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