Übergriffe belasten den Alltag der Afghanen
Taliban-Sympathisanten wollen Uhr zurückdrehen

Ob der brutale Überfall auf zwei deutsche Helfer nahe Kabul von Kriminellen begangen wurde oder ebenfalls einen politischen Hintergrund hat, blieb zunächst unklar. Er unterstreicht aber, dass die Regierung von Präsident Hamid Karsai sich schwer tut, für Sicherheit und Ordnung zu sorgen.

HB/dpa KABUL. Der Bombenanschlag in Kabul und das Attentat auf Karsai im September wie auch die Festnahme eines Mannes, der verdächtigt wird, ein Selbstmordattentat auf Verteidigungsminister Mohammed Fahim geplant zu haben, zeigen, dass die Gegner der Erneuerung auch vor Terror nicht zurückschrecken. "Es gibt Berichte darüber, dass sich neue Koalitionen zwischen fundamentalistischen Gruppen gebildet haben, die den Friedensprozess in Afghanistan sabotieren wollen", sagt die Menschenrechtlerin Homaira Nahmati.

Einzelne Übergriffe und Aktionen der Fundamentalisten belasten den Alltag aller Afghanen, denn sie sprechen sich rasch herum und sorgen für Angst. Da ist zum Beispiel der Musiker Mohammed Masrur Sarwari. "Wir waren für eine Hochzeitsfeier in Charikar nördlich von Kabul engagiert und wurden von der örtlichen Polizei verprügelt, als wir dort eintrafen", berichtet er.

Weltliche Musik war unter den Taliban verboten und ist auch heute noch islamischen Eiferern ein Dorn im Auge. "Die Musiker wurden von unverantwortlichen Leuten misshandelt, die sich Polizeiuniformen angezogen hatten", sagt Mohammed Ali Paktiawal vom Innenministerium und fügt hinzu, gegen so etwas werde hart vorgegangen. Sarwari meint jedoch, bislang sei niemand bestraft worden.

In mehreren Provinzen wurden Mädchenschulen niedergebrannt, zwei davon etwas außerhalb Kabuls. In Kandahar, der früheren Hochburg der Taliban, gab es Drohungen gegen Mädchenschulen. Unter den Taliban hatten Mädchen Jahre lang keine Chance auf Bildung, und es gibt Kräfte, die nun Mädchen erneut ins Haus verbannen wollen.

Auch die Tatsache, dass Frauen wieder arbeiten dürfen, passt den ewig Gestrigen nicht. In Kabul setzten Fundamentalisten Wachmänner von Hilfsorganisationen unter Druck, keine Frauen hereinzulassen.

Im August wurde dem Staatsrundfunk verboten, indische Filme, die wegen ihrer heißen Tanzszenen beliebt sind, auszustrahlen. "Kein Film der die Moral herausfordert und gegen die afghanische Kultur ist, sollte gezeigt werden", sagt der Richter Fasel Ahmed Manawi. In der Provinz Herat sprach ein Geistlicher einen islamischen Bannspruch gegen Hochzeitsfeiern in Hotels und Restaurants aus.

Im größten Teil der Bevölkerung stößt all dies auf Widerstand. Zwar sind die meisten Leute, vor allem auf dem Land, konservative Moslems. Aber schon unter den Taliban wurden viele Verbote umgangen, die nicht der Tradition entsprachen. Auf den Dörfern gab es bei Hochzeiten Musik, und jemand stand Wache für den Fall, dass die Taliban-Polizei sich nähern sollte.

"Niemand kann die Leute daran hindern, Musik zu hören oder Filme zu sehen", meint der Student Shakhi Dad. Sein Freund Sajed Maschok stimmt ihm trotz aller Versuche der Fundamentalisten, die alten Zustände wieder herzustellen, zu: "Die dunklen Tage sind vorbei, und wir tun, was wir wollen."

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