Überkapazitäten in vielen Branchen
US-Konzerne verdienen viel zu wenig

Für das dritte Quartal zeichnet sich in den USA keine durchgreifende Besserung bei den Unternehmensgewinnen ab. Viele Firmen verschieben ihre Investitionen. Dem Aufschwung droht die Luft auszugehen.

NEW YORK. Pessimismus regiert derzeit bei den meisten amerikanischen Unternehmen. Nach hoffnungsvollen Zahlen im Frühjahr zeichnet sich jetzt wieder eine Abschwächung der US-Konjunktur ab. Mitte Oktober legen die großen Konzerne ihre Ergebnisse für das dritte Quartal vor, rosige Zahlen werden in Börsen- und Finanzkreisen nur selten erwartet. "Die Aussichten für das dritte Quartal sind nicht gut - und das gilt quer durch alle Branchen", sagt Chuck Hill, Direktor beim Finanzinformationsdienst Thomson Financial in Boston.

Seine Analyse: An der Wall Street herrsche eine "Kürzungsstimmung". Analysten würden ihre Gewinnerwartungen reihenweise nach unten korrigieren. Hatten die meisten Experten im April noch ein Ertragsplus von mehr als 20 % für die im Börsenindex S & P-500 notierten US-Unternehmen für das dritte Quartal erwartet, rechnen sie jetzt gerade noch mit einem mickrigen Zuwachs von 6 % gegenüber dem ohnehin niedrigen Vorjahresniveau. Zudem fehlen den Unternehmen ohne Aussichten auf eine deutliche Ertragsverbesserung die Anreize für zusätzliche Investitionen. Sie werden jedoch dringend gebraucht, um der geschwächten Konjunktur neuen Schwung zu geben.

Bestätigt wird Hill in seinem negativen Ausblick durch zahlreiche Gewinnwarnungen. Bislang haben mehr als 475 US-Firmen angekündigt, dass ihre Ergebnisse im dritten Quartal schlechter als erwartet ausfallen werden. Auf dem Tiefpunkt der US-Rezession vor einem Jahr waren es nach Angaben von Thomson Financial nur 12 % mehr. "Die Zahl der negativen Überraschungen ist doppelt so hoch wie die der positiven", betont Hill. Damit habe sich der positive Trend aus dem zweiten Quartal umgekehrt. Zwischen April und Juni hielten sich positive und negative Nachrichten erstmals seit längerer Zeit wieder die Waage. David Wyss, Chefökonom der Rating-Agentur Standard & Poor?s, warnt davor, "dass die wirtschaftliche Erholung viel langsamer verläuft".

Angesichts der Flut von Gewinnwarnungen gehen die wenigen positiven Nachrichten fast unter. So hatte der Mischkonzern General Electric seine ehrgeizige Zielsetzung für ein Ertragswachstum von 25% für das dritte Quartal bekräftigt und der Autohersteller Ford will für das dritte Quartal nach langer Durststrecke wieder einen Gewinn ausweisen.

Verantwortlich für die Enttäuschung macht Chuck Hill die "viel zu hohen Erwartungen" zu Beginn des Jahres. Zudem leide die US-Wirtschaft unter den überhöhten Investitionen aus den 90er-Jahren, als niemand mehr an einen neuen konjunkturellen Abschwung glauben wollte. "Dadurch gibt es vor allem im Technologiesektor Probleme", sagt Hill.

In den vergangenen Tagen gab es jedoch auch erstmals Hiobsbotschaften aus dem Konsumbereich. So reagierte die Wall Street Mitte des Monats geschockt, als auch die Restaurantkette McDonald?s ihre Gewinnerwartungen für das dritte Quartal völlig überraschend nach unten korrigierte. Galt der Konsumsektor in den USA doch bislang als konjunkturresistent. Wenig später folgte der zweite Schock: Auch die große US-Einzelhandelskette Kroger?s kündigte Einbußen auf der Ertragsseite an.

Standard & Poor?s Chefökonom Wyss sieht ebenfalls die hohen Investitionen und die daraus abgeleiteten Überkapazitäten als Hauptgrund für die aktuelle Ertragsschwäche an. Die Fabriken seien nur zu drei Vierteln ausgelastet. Den meisten Unternehmen fehle angesichts des harten Wettbewerbs die Macht, Preiserhöhungen durchzusetzen. Das schlage sich negativ in der Gewinnrechung nieder.

Einen Ausweg sehen die Experten nicht. "Viele haben auf einen sinkenden Dollar gehofft, aber das hat sich bislang nicht bewahrheitet", sagt Wyss. Mit Hilfe eines niedrigeren Dollar-Kurses hätten die Firmen ihre Exporteinnahmen steigern können. "Wir erwarten, dass die Unternehmen erst in vier Jahren wieder das operative Ertragsniveau des Jahres 2000 erreichen", beschreibt der Ökonom die Folgen.

Thomson-Direktor Hill hofft, dass der Konsum nicht auf Dauer wegbricht, "bevor die Konzerne wieder investieren". Andernfalls drohe die Gefahr, dass es zum zweiten Konjunktureinbruch ("double-dip") komme.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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