Überkapazitäten zwingen Feinchemie-Firmen zur Neuausrichtung
Krise in der Pharmabranche erfasst die Zulieferer

Für die erfolgsverwöhnte Lonza AG war es Neuland, als sich Konzernchef Markus Gemuend jüngst mit ernstem Ton an die Öffentlichkeit wandte: Der Schweizer Chemiekonzern werde bis Jahresende eine seiner größten Produktionsanlagen für Pharmawirkstoffe schließen und bei zwei weiteren kräftig abspecken.

DÜSSELDORF. Bislang hörten Aktionäre und Mitarbeiter bei Lonza nur ein Wort: Wachstum. Jetzt aber, so erläuterte Gemuend, müsse sich Lonza als Marktführer möglichst schnell den neuen Marktbedingungen anpassen.

Die Minen sind nicht nur bei Lonza ernst: Für die meisten Hersteller von Arznei-Wirkstoffen hat sich der Traum vom rasanten Wachstum erstmal ausgeträumt. Schuld sei die Krise der Pharma-Industrie - darauf weist nicht nur Lonza hin: Die sinkende Zahl neu zugelassener Medikamente sowie Umsatzeinbrüche bei den traditionellen Präparaten lassen bei den Arzneiherstellern nicht nur die Nachfrage nach Wirkstoffen sinken. Auch die erwartet schnelle Verlagerung der Produktion von Pharmakonzernen hin zu den Zulieferern stockt.

"Das Tempo beim Outsourcing der Wirkstoffherstellung hat sich verlangsamt", bestätigt David Maddox, der beim Lonza-Konkurrent Clariant die Geschäftseinheit Pharmawirkstoffe leitet. Er macht dafür nicht nur die geringe Zahl neuer Medikamente verantwortlich, sondern auch die Vielzahl der Fusionen: Arzneiriesen stecken derzeit im Dilemma, ihre neuen großen Produktionsanlagen nicht genügend auslasten zu können. Folge: Die ganze Branche steht wegen der Überkapazitäten unter starkem Preisdruck.

Das hatten sich die führenden Feinchemiefirmen vor wenigen Jahren nicht so vorgestellt. In Erwartung eines hohen zweistelligen Marktwachstums bezahlten sie zum Teil horrende Preise für Wirkstoffhersteller: Clariant übernahm die britische BTP für 3,4 Mrd. sfr, Rhodia kauft die US-amerikanische Chirex und Degussa legte sich den britischen Feinchemiekonzern Laporte zu. Jetzt haben sich die Erwartungen relativiert: Clariant rechnet jetzt nur noch mit einem Marktwachstum zwischen 5 und 8 %.

Untergangsstimmung will allerdings niemand in der Branche verbreiten. "Der grundsätzliche Trend zum Outsourcing hält an und wird sich verstärken", glaubt nicht nur Maddox, sondern auch Lonza-Chef Gemuend. Clariant hat sich von Pharmafirmen bestätigen lassen, dass sie langfristig kaum in eigene Anlagen investieren wollen, sondern die Auslagerung der Wirkstoffproduktion bevorzugen.

Analysten stützen diese Einschätzung: Die Auslagerung bringe nicht nur Kostenvorteile, schreibt die Investmentbank Merrill Lynch in einer Studie. Sie mindere für die Pharmafirmen auch das Risiko, auf hohen Kapazitäten sitzen zu bleiben, falls wieder eine Neuentwicklung fehlschlägt.

Doch wann die momentane Durststrecke überwunden sein wird, vermag in der Feinchemiebranche derzeit niemand abzusehen. Noch dazu wächst der Konkurrenzdruck aus Fernost: In China und Indien etwa kommen nicht nur in der Standardproduktion kostengünstig arbeitende Firmen verstärkt auf den Markt. Nach Einschätzung von Merrill Lynch greifen Billiganbieter auch das lukrative Segment der Exklusivsynthese verstärkt an, in der Wirkstoffe ganz speziell für eine Arznei gefertigt werden.

Die Feinchemie-Firmen reagieren auf den Druck mit einer Neupositionierung. Neben Lonza hat auch Clariant mehrere seiner Werke geschlossen und bei den übrigen die Kostenbasis gestrafft. Zudem hat der Spezialchemiehersteller Pläne zum Einstieg in die Biotechnologie aufgegeben. Konkurrenten wie Lonza und die niederländische DSM setzen bereits seit längerem auf das Geschäft mit Wirkstoffen, die biotechnisch hergestellt werden - etwa durch Zellkulturen. Sie wollen sich damit unter anderem von der Billigkonkurrenz absetzen.

Clariant-Manager Maddox dagegen will verstärkt mit Herstellern von Nachahmermitteln (Generika) ins Geschäft kommen: Schließlich machen Patentabläufe umsatzstarker Originalmedikamente und der Kostendruck im Gesundheitswesen vieler Länder Generika zum Wachstumsgeschäft.

Konkurrent DSM signalisierte auf einer Investorenkonferenz von Merrill Lynch, dass er den Einstieg in die Produktion von Zwischenstoffen für Generika prüfe und damit sein Geschäft voranbringen will. Für DSM ist der Erfolg in der Feinchemie fast überlebenswichtig: Der Konzern hat sich jüngst von seiner Massenchemiesparte getrennt, um das Geschäft mit Pharma-Wirkstoffen auszubauen. Das kräftige Wachstum dieses Segments lässt aber noch auf sich warten: In den ersten neun Monaten ging der Umsatz der entsprechenden DSM-Sparte sogar zurück.

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