Übernahme des Medienkonzerns durch Kirch wahrscheinlich
EM.TV: Der Sturz eines Börsenstars

Absturz eines Börsenstars am Neuen Markt: der Medienkonzern EM.TV wankt. Noch Anfang des Jahres verblüffte EM.TV-Gründer Thomas Haffa die internationale Szene, als der Selfmade-Milliardär die halbe Formel 1 und die "Muppetshow" aufkaufte. Nach dem rasanten Fall des Börsenkurses, Unregelmäßigkeiten in der Bilanz und Gerüchten über Liquiditätsprobleme muss der einstige Börsenliebling jetzt sogar um seine Eigenständigkeit fürchten. Medienmogul Leo Kirch soll schon bereit stehen, um sich EM.TV mit einer freundlichen Übernahme einzuverleiben.

dpa-afx. MÜNCHEN. Der Lizenzhändler von Zeichentrickfilmen wagte vor drei Jahren als zwölftes Unternehmen den Gang an den Neuen Markt. Familie Feuerstein, Blinky Bill und Jogi-Bär wurden schnell zu Stars an den Finanzmärkten. Anleger der ersten Stunde konnten sich zwischenzeitlich über ein Kursplus von weit über 20.000 Prozent freuen.

EM.TV hat viele zu Millionären gemacht

Wer beim Börsenstart 10.000 DM anlegte, saß Mitte 1999 bereits auf einem Paket von 1,7 Mio. DM. Der Konzern mit seinen lange Zeit dreistelligen Wachstumsraten war zwischenzeitlich mehr wert als adidas-Salomon und die Lufthansa zusammen.

Auf den Hauptversammlungen ließ sich Haffa für seine in der Branche hoch geschätzte unternehmerische Leistung von den Aktionären feiern, bei der Fernsehmesse in Cannes und bei anderen Events tauchte er mit der eigenen Yacht auf. Der 48-Jährige hatte seine Handwerk bei Kirch gelernt und baute dort das Video-Geschäft mit auf. 1989 machte er sich selbstständig, gründete EM.TV und baute einen Programmstock von heute 30 000 halben Stunden Kinder- und Jugendprogramm auf. Die engen Bande zu seinem Ziehvater Kirch ließ er nie abreißen. Gemeinsam betreiben die Unternehmen das Gemeinschaftsunternehmen Junior TV.

Haffa hat sich übernommen

Mit zahlreichen Zukäufen, die damals angesichts der rasanten Kurssteigerungen mit der Ausgabe von immer neuen Aktien leicht finanziert waren, wollte Haffa in die Weltliga der Medienkonzerne aufsteigen und sogar den großen Disney-Konzern angreifen. Mit den beiden letzten großen Coups, der Übernahme des "Muppet Show"-Produzenten Jim Henson und der 50-prozentigen Formel 1-Beteiligung, hat sich Haffa aber nach Einschätzung von Experten übernommen. Über 3,0 Mrd. DM kostete allein das Formel 1-Paket. Die Finanzierung des Deals könnte EM.TV jetzt nach Informationen der "Börsen-Zeitung" das Genick brechen. Finanzkreisen zufolge solle es nur noch eine Frage von zwei bis drei Monaten sein, bis EM.TV Zahlungsschwierigkeiten bekomme.

Noch immer ist zudem völlig unklar, wie stark die Goodwill-Abschreibungen für die Großeinkäufe den Gewinn des Konzern auf Jahre hinaus belasten werden. Zudem kann Formel 1-Impressario Bernie Ecclestone im nächsten Jahr weitere 25 % an der Motorsport-Holding SLEC an EM.TV verkaufen. Doch die dafür benötigten Milliarden lassen sich nicht mehr so leicht beschaffen. Nicht nur deshalb stand der Aktienkurs zuletzt unter Druck. Vom Jahreshoch bei 120 Euro sackte das Papier auf weniger als 20 Euro ab.

Gerüchte über korrigierte Planzahlen

In den vergangenen Tagen machten im Vorfeld der Veröffentlichung der Neun-Monats-Zahlen voraussichtlich an diesem Freitag Gerüchte über eine Korrektur der Planzahlen für das Jahr 2000 an den Börsen die Runde. Zuvor mussten bereits die Halbjahres-Zahlen korrigiert werden. Florian Haffa legte sein Amt als Finanzvorstand vor einigen Wochen nieder und firmiert nur noch als offizieller Stellvertreter seines Bruders.

Offiziell rechnet EM.TV mit einem Umsatz von 1,6 Mrd. DM und einem Gewinn vor Zinsen und Steuern von 600 Mio. DM. Im vergangenen Jahr lagen die Erlöse erst bei rund 320 Mio. DM. Das Wachstum resultierte zu einem großen Teil aus Übernahmen, im Kerngeschäft fielen die Zuwächse zunehmend geringer aus.

Kirch könnte für Liquidität sorgen

Die Wachstumsstory von EM.TV hat wie bei so vielen anderen Unternehmen am Neuen Markt arge Schrammen erlitten. Da könnte die Stunde von Leo Kirch schlagen, auch wenn beide Unternehmen die Übernahmeverhandlungen offiziell noch nicht bestätigen wollen. Nach Einschätzung von Branchenkennern will er bei einer Übernahme von EM.TV die Formel 1 aus dem Unternehmen herauskaufen und EM.TV so Liquidität zur Verfügung stellen. Für Kirch mit seinen TV-Kanälen (ProSieben, SAT.1, DSF) und seinem weltweiten Vertriebsnetz wäre die Formel 1 ein attraktives Aushängeschild.

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