Übernahmen: „Der Druck ist enorm"
Unternehmen kämpfen gegen feindliche Attacken

Es war kein guter Tag für Franco Bernabè, jener Samstag im Februar vergangenen Jahres. Ungläubig vernahm der Chef von Telecom Italia, dass Olivetti-Präsident Roberto Colaninno die Übernahme des sechsmal größeren Konkurrenten plante. Bernabè sträubte sich, suchte Schutz bei der Regierung, präsentierte mit der Deutschen Telekom einen so genannten Weißen Ritter, der Telecom Italia auf Wunsch des Managements übernehmen sollte - und verlor.

Monate später war Colaninno Herr im Hause des ehemaligen Telekom-Monopolisten. Vermutlich ahnte auch Colaninno nicht, was sein letztlich erfolgreicher Coup in der europäischen Unternehmenslandschaft bewegen sollte. Feindliche Übernahmen, die in Europa bis dato als nicht gesellschaftsfähig galten und seit den 80er-Jahren selbst in den Vereinigten Staaten passé waren, sind wieder parkettfähig geworden.

Nach Angaben der US-Unternehmensberatung A.T. Kearney waren, gemessen am Transaktionsvolumen, 1998 weltweit lediglich 2 % aller Übernahmeversuche feindlich. Ein Jahr später waren es bereits 15 %. Als besonders gelehrig erwiesen sich dabei die Europäer. Im vergangenen Jahr nahm in Europa fast ein Drittel aller Übernahmeversuche einen feindlichen Anfang. In den USA waren es nur 6%.

Einer Studie der US-Investmentbank J.P. Morgan zufolge gab es in Kontinentaleuropa zwischen 1990 und 1998 lediglich 34 feindliche Übernahmeversuche mit einem Transaktionsvolumen von 69 Mrd.$. Doch allein im vergangenen Jahr registrierten die Investmentbanker 52 Versuche, Unternehmen gegen den Willen des Managements zu übernehmen.

Auch die Größenordnungen haben sich verändert: 408 Mrd.$ haben die Angreifer für die Firmen insgesamt geboten. Dabei macht das Übernahmeangebot des britischen Mobilfunkers Vodafone Airtouch für Mannesmann den Löwenanteil aus.

Michael Träm, Vice President von A.T.Kearney, erklärt diese Entwicklung vor allem mit dem steigenden Einfluss der Fondsgesellschaften auf das Unternehmensmanagement. Die Fonds legen seiner Meinung nach "eher Wert auf kurzfristige Gewinnmaximierung als auf eine langfristig angelegte Strategie, deren Erfolg erst in mehreren Jahren sichtbar wird". Zudem hat laut Träm der Manager ein Problem, der als einer der wenigen in seiner Branche keine Fusions- oder Übernahmepläne hegt. Träm: "Der Druck ist enorm." So glaubt er, dass die Zahl der feindlichen Übernahmen in Europa in der nächsten Zeit weiter ansteigt. Den größten Konsolidierungsbedarf sieht er bei den Finanzdienstleistern sowie bei High-Tech-, Telekom - und Medienkonzernen.

Paul Gibbs, Analyst bei J.P. Morgan, ist dagegen davon überzeugt, dass die große Zeit der unfreundlichen Übernahmen schon wieder vorüber ist. "Erstaunlicherweise und gegen alle Prognosen", so wundert sich Gibbs, "hat es seit Anfang dieses Jahres keine nennenswerten Aktionen gegeben." Einzige erwähnenswerte Ausnahme war der letztlich gescheiterte Versuch des französischen Bauzulieferers Lafarge, den britischen Konkurrenten Blue Circle gegen den Willen des Blue-Circle-Managements zu übernehmen.



Feindliche Übernahmen werden teuer

Gibbs Erklärungsversuch: "Die Unternehmen haben aus der Mannesmann-Übernahme gelernt, wie teuer feindliche ,Take-overs? werden können." Der Mannesmann-Aktienkurs hatte sich im Verlauf der Attacke um rund 80 % erhöht.

Die J.P.-Morgan-Studie zeigt ohnehin, dass Unternehmen für feindliche Übernahmen deutlich tiefer in die Tasche greifen müssen als bei freundlichen ("hostile premium"). Zudem entwickelt sich der Aktienkurs der aggressiven Übernehmer nach einem Erfolg schlechter als der Marktdurchschnitt.

Für Träm von A.T.Kearney ist der Grund klar: "Angesichts des hohen Preises konzentriert sich das Management überschnell auf Kostensenkung und versäumt es, eine Wachstumsstrategie zu entwickeln".

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%