Überraschende Entscheidung
Zinssenkung: Finanzexperten sind verblüfft

Die Europäische Zentralbank hat mit ihrer Zinssenkung am Donnerstag Analysten und andere Finanzexperten verblüfft. Carsten-Patrick Meier vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel sagte, die Leitzins-Senkung um 25 Basispunkte auf 4,5 % sei "in der Tat überraschend". Bankanalysten äußerten sich ähnlich und sprachen auch davon, der Markt sei mit Äußerungen von EZB-Mitgliedern in den vergangenen Wochen ein wenig in die Irre geleitet worden.

ap FRANKFURT/MAIN. Meier meinte, möglicherweise habe die EZB mit diesem Schritt auch ihre Unabhängigkeit demonstrieren wollen. Erst am letzten April-Wochenende hatten die Euro-Währungshüter und allen voran EZB-Chef Wim Duisenberg auf der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank in den USA erklärt, eine Zinssenkung zum gegenwärtigen Zeitpunkt wäre der Glaubwürdigkeit der Zentralbank abträglich gewesen. IWF-Vertreter hatten zuvor eine Senkung der Zinsen für den Euroraum gefordert.

Wirtschaftsexperte Meier sagte jetzt, die Senkung um einen Viertelpunkt habe seit Jahresanfang in der Luft gelegen. Bisher hätten Preisrisiken aber dagegen gesprochen. Die jetzt erfolgte Senkung um 25 Basispunkte halte er für vertretbar. "Wir haben im Augenblick eine Situation in der von den konjunkturellen und den außenwirtschaftlichen Daten her einiges für ein Abklingen der Inflation spricht."

Das Problem sei allerdings, dass die Inflationsrate aktuell noch recht hoch sei, erläuterte Meier weiter. Es sei auch fraglich, ob es noch in diesem Jahr gelinge, unter zwei Prozent zu kommen. Preisstabilität ist das vorrangige Ziel der Europäischen Zentralbank. Der EZB-Rat hat festgelegt: "Preisstabilität wird definiert als Anstieg des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) für das Euro-Währungsgebiet von unter zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr."

"Märkte in die Irre geführt"

Analyst Jörg Weidensteiner von DG Bank sagte zu der plötzlichen Entscheidung, diese sei auch insofern interessant, als dass alle Äußerungen der EZB in der jüngsten Zeit auf das Gegenteil hingedeutet hätten. Die Frage sei, ob die Zinssenkung auf die jüngst vorgelegten, schlechten deutschen Zahlen zur Industrieproduktion und den Auftragseingängen zurückzuführen sei.

Eine andere Möglichkeit sei, dass die EZB "überraschen wollte. Für den Fall müsste sie sich allerdings Fragen gefallen lassen", sagte Weidensteiner. Weiter meinte der Analyst: "Man weiß nicht ob das so glücklich ist, die Märkte in die Irre zu führen."

Michael Schubert von Commerzbank bezeichnete den EZB-Beschluss angesichts der Argumentation der Euro-Währungshüter in den vergangenen Wochen ebenfalls als "total überraschend". Er halte eine weitere Senkung der Zinsen in den kommenden vier bis acht Wochen durchaus für möglich. "Im Prinzip hängt es davon ab, wie es in den USA weitergeht." Von den Vereinigten Staaten und der dortigen Konjunkturflaute gehe "die ganze Malaise aus". Auch in den USA erwarte er eine weitere Senkung Mitte Mai.

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