Überraschender Rückgang
Analysten: Kurzfristige Ifo-Index-Schwäche

Obwohl der Ifo-Geschäftsklimaindexes im April überraschend gesunken ist, steht die Konjunkturerholung in Deutschland nach Einschätzung von Volkswirten nicht in Frage. Die gewachsene Skepsis der Unternehmen in diesem Monat betrachten die Analysten als Ausrutscher, nachdem der Index seit November gestiegen war und die Hoffnungen auf einen Aufschwung genährt hatte.

Reuters MÜNCHEN. Das an den Finanzmärkten viel beachtete Konjunkturbarometer sei im April auf 90,5 Punkte von revidiert 91,5 Punkten im März gesunken, teilte das Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) am Donnerstag in München mit. Von Reuters befragte Analysten hatten dagegen mit einem leichten Anstieg auf 92,1 Punkte gerechnet. Der Aktienmarkt baute seine Verluste daraufhin deutlich aus.

Schlechtere Stimmung im Handel

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn erklärte den Rückgang mit dem schlechteren Geschäftsklima im Handel, denn im Bauhauptgewerbe und der Industrie seien die Indikatoren stabil geblieben. "Trotz des leichten Dämpfers ist das Geschäftsklima weiterhin deutlich günstiger als in den ersten beiden Monaten dieses Jahres", erklärte Sinn. Ifo-Volkswirt Gernot Nerb sagte, das erwartete etwas höhere Wirtschaftswachstum in diesem Jahr stehe deshalb nicht in Frage. Ausschläge des Stimmungsbarometers nach unten seien bei einer Konjunkturerholung normal. Erst wenn der Index mehrere Monate sinke, gebe es Anlass zu Besorgnis.

Auch Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) hielt an der Prognose der Regierung von 0,75 % Wachstum in diesem Jahr nach 0,6 % 2001 fest. Preisaufschläge des Einzelhandels bei der Euro-Umstellung hätten den Konsum gedämpft und seien für die schlechtere Stimmung im Handel verantwortlich, sagte Eichel. Wie die Bundesregierung erwarten Wirtschaftsforscher ein etwas höheres Wachstum in diesem Jahr als 2001. Die Prognosen liegen zwischen 0,7 und 0,9 % und sehen für 2003 ein stärkeres Plus von rund zweieinhalb Prozent vor. Als Hauptmotor wird dabei eine stärkere Konjunktur im Ausland, insbesondere in den USA, vorausgesetzt, während ein möglicher Ölpreisanstieg und die schwache Binnennachfrage als Risikofaktoren gelten.

Analysten sehen Rückgang als Ausrutscher

Volkswirte äußerten sich zwar enttäuscht über den unerwarteten Rückgang des Ifo-Indexes, bezeichneten ihn aber als Ausrutscher, der die erwartete Konjunkturbelebung nicht in Frage stelle. Die Analysten waren davon ausgegangen, dass die rund 7000 befragten Unternehmen wegen der stärkeren Auslandsnachfrage ihre derzeitige Geschäftslage besser bewerten würden. Der Teilindex dafür hatte sich in den vergangenen Monaten kaum von der Stelle bewegt, während der Erwartungsindex seit Oktober rund 15 Punkte zugelegt hatte. Die Kennziffer für die aktuelle Lage sank nun aber auf 76,9 Punkte nach einer Aufwärtsrevision des März-Wertes auf 77,5 Punkte. Die Erwartungen gingen auf einen Stand von 104,6 nach 106,1 zurück, was die Analysten aber wegen des Ölpreisanstiegs im April nicht überraschte. In Ostdeutschland war der Gesamtindex unverändert 100,1 Punkte.

Volkswirte sehen das Szenario bestätigt, dass sich die Konjunktur nur langsam im Lauf des Jahres erholt. Elga Bartsch von Morgan Stanley vermutet, dass neben dem schwachen Konsum auch der Metall-Tarifkonflikt und spektakuläre Firmenpleiten die Zuversicht der Unternehmen schwinden ließen. Die trübe Stimmung im Handel zeige, dass der Konsum noch sehr schwach sei, während sich die Industrie stabilisiere, sagte Ulla Kochwasser von der Mizuho Corporate Bank. "Es gibt eine langsame Aufwärtsbewegung und hoffentlich wird die Nachfrage im zweiten Halbjahr ansteigen. Aber derzeit ist dies nur eine Hoffnung." Jörg Krämer von Invesco sagte, der Rückgang sei ein Ausrutschter und lasse den steigenden Trend intakt. Auch Volker Nitsch von der Bankgesellschaft Berlin beruhigte: "Aus den Unternehmen gibt es damit noch kein Indiz, dass der Aufschwung kippt."

Wie vorsichtig die Unternehmen derzeit noch immer in die Zukunft blicken, verdeutlichte Siemens-Chef Heinrich von Pierer. Der nach Börsenwert drittgrößte deutsche Konzern verdoppelte zwar seinen Gewinn im abgelaufenen Quartal, doch von Pierer wagte für das Gesamtjahr keine genaue Prognose. Er glaube an all die positiven Prognosen über eine Besserung der Konjunktur im zweiten Halbjahr. "In unseren Zahlen reflektiert sich das jedoch noch nicht, und so bleiben wir vorsichtig."

An den Finanzmärkten gab der Euro vorübergehend leicht nach und die Kurse am Anleihemarkt legten zu, da die Rentenwerte von der Aussicht auf einen langsamen Aufschwung und damit vorerst ausbleibende Leitzinserhöhungen profitieren. Am Aktienmarkt verdoppelte der Dax sein Minus auf knapp zwei Prozent, nachdem schwache Konjunkturdaten aus den USA in den vergangenen Tagen bereits Zweifel am erwarteten Aufschwung geweckt hatten.

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