Überraschungs-Gold für Ceccarelli
„Pechmarie“ Hilde Gerg: Tränen statt Medaille

Bittere Tränen statt Medaillen-Glanz: "Pechmarie" Hilde Gerg ist beim letzten Olympia-Auftritt ihrer Karriere um winzige 13/100 Sekunden bereits zum zweiten Mal innerhalb von sechs Tagen an Bronze vorbeigefahren. Sie wurde damit zu einer tragischen Figur der Winterspiele in Salt Lake City.

HB/dpa/sid SNOWBASIN. Die Slalom- Olympiasiegerin von Nagano, angereist als Fahnenträgerin und hoffnungsvollste Medaillen-Kandidatin der deutschen Alpin-Mannschaft, weinte nach nach dem enttäuschenden fünften Platz am Sonntag im von der Italienerin Daniela Ceccarelli gewonnenen Super-G verzweifelt sogar vor laufender Kamera. "Ich glaube, da kann man nicht mehr viel sagen", schluchzte die Lenggrieserin, die bereits in der Abfahrt auf den undankbaren vierten Platz Bronze nur um zehn Hundertstel verpasst hatte, hemmungslos und rang lange vergeblich nach Worten.. "Im Endeffekt habe ich zwei Mal verschissen. Bei einem Großereignis zweimal so knapp daneben, das kann man kaum noch verkraften."

Als sie sich wieder fasste, meinte die 26-Jährige: "Ich habe mir eine Medaille erhofft nach den guten Vorleistungen. Dass es so knapp daneben geht, hätte ich nicht gedacht. Was einen nicht umbringt, macht einen härter." Verpasst hatte sie die zweite Medaille für die deutschen Ski-Damen nach Kombinations-Bronze von Martina Ertl drei Tore vor dem Ziel: Ein "Hackler" kostete die entscheidenden Hundertstel.

Auch Petra Haltmayr erlebte ein Olympia zum Vergessen

Auf den Tag genau acht Jahre nach Markus Wasmeiers Triumph in dieser Disziplin in Lillehammer waren auch die anderen deutschen Damen auf der "Wildflower"-Piste in Snowbasin vom Pech verfolgt. Martina Ertl, die Bronzemedaillengewinnerin in der Kombination, kam nach einem Patzer mit 1,25 Sekunden Rückstand auf die Siegerin als Elfte ins Ziel. Regina Häusl (Schneizlreuth) schied nach 36 Sekunden aus.

Ein Olympia zum Vergessen erlebte neben Hilde Gerg auch Petra Haltmayr (Rettenberg). Mit einer Schulterverletzung angereist, schied sie in der Abfahrt und der Kombinations-Abfahrt aus. In den Super-G musste sie mit Startnummer eins, verhaute nach einem schweren Fehler völlig und landete in 1:16,26 nur auf dem 23. Platz.

Sensationell gleich zwei Italienerinnen auf dem Treppchen

Ausgerechnet eine "Flachländerin", die noch nie ein Weltcup-Rennen gewonnen oder eine Medaille gewonmnen hat, konnte sich derweil bei strahlendem Sonnenschein über dem Mount Allen als Olympiasiegerin feiern lassen. Mit einer perfekten Fahrt in einem engen Rennen siegte Daniela Ceccarelli (1:13,59 Minuten) auf der "Wildflower"-Piste in Snowbasin hauchdünn vor der überraschend starken Kombi-Olympiasiegerin Janica Kostelic, die ihr zweites Gold lediglich um vier Hundertstel verpasste. Am Tag der wenigen Tifosi unter den 22 000 Zuschauern machte die Südtirolerin Karen Putzer das Glück für Italien perfekt: Sie belegte mit 27 Hundertstel Rückstand den Bronze-Rang.

Hilde Gerg (1:13,99) landete am Ende hinter Putzer (1:13,86) und der Österreicherin Alexandra Meissnitzer auf Platz fünf, nachdem zunächst alles nach einer Medaillen-Fahrt ausgesehen hatte. Die Bayerin machte nach Rückstand bei der ersten Zwischenzeit kontinuierlich Zeit gut. Doch im Ziel kam die böse Überraschung. Sie hatte zuvor bei diesen Winterspielen mit Platz vier in der Abfahrt und dem "Aus" in der Kombination große Enttäuschungen hinter sich. Vor dem Super-G aber hatte sie die Erlebnisse auch mit Hilfe eines "Kurzurlaubs" in einem Hotel in Ogden eigentlich abgehakt. "Ich habe mich ganz gut erholt. Ich habe ein bisschen relaxt und abgeschaltet", versicherte sie. Außerdem fand sie: "Im Großen und Ganzen sind das nicht die wichtigsten Dinge im Leben. Das habe ich erkannt. Deshalb kann ich damit auch ganz gut umgehen."

Gerg lässt ihre Zukunft noch offen

Danach ließ Hilde Gerg zunächst offen, ob sie nach der Saison ihre Karriere nach zwei Olympia- und drei WM-Medaillen fortsetzen wird. "Ich habe mich noch nicht festgelegt. Das werde ich aus dem Bauch heraus entscheiden", sagte sie im Zielraum von Snowbasin. Trainer Wolfgang Maier wollte das nicht überbewerten: "Ich kann das aus der Emotion heraus verstehen, aber vor zwei Tagen hat sie mir noch gesagt, wie ihre Zukunft aussieht, und da hieß es, dass sie auf jeden Fall noch bis nächstes Jahr weitermacht."

Die Entscheidung will Gerg noch vor dem Weltcup-Finale (6. bis 10. März in Flachau/Altenmarkt) fällen. Danach muss der 30 Zentimeter lange Titannagel, den sie seit einem Beinbruch vor zwei Jahren im linken Unterschenkel trägt, entfernt werden, was wiederum eine längere Trainings-Pause nach sich ziehen würde. Aus Gergs Umfeld verlautete später, dass sie mindestens bis zur Weltmeisterschaft 2003 in St. Moritz weiter Ski fahren und gemeinsam mit ihrer Clubkollegin Martina Ertl das Damen-Team des Deutschen Skiverbandes (DSV) in den nächsten Winter führen wird.

Ihre Rücktritts-Gedanken hatte die beste deutsche Rennläuferin der vorolympischen Wochen ad acta gelegt. Während der Saison hatte Hilde Gerg hin und wieder über das Ende ihrer erfolgreichen Karriere nachgedacht. Doch in Salt Lake City entschied sich die Slalom- Olympiasiegerin von Nagano für eine Fortsetzung der sportlichen Laufbahn.

Ceccarellis Sieg spült Geld in leere italienische Kassen

Für den italienischen Verband, der seit dem Rücktritt des dreimaligen Olympiasiegers Alberto Tomba förmlich nach einem "echten" Italiener gelechzt hatte, kam der Sieg von Ceccarelli zu rechten Zeit. Die Funktonäre kämpften vor der Saison um Geld, nur mit Mühe konnte die Olympia-Saison überhaupt finanziert werden. Weil die Olympiasiegerin, Tochter eines ehemaligen Armee-Piloten und verheiratet mit einem Ski-Lehrer, aus Rocca Priora in der Weingegend Frascati kommt und somit fast als echte Römerin gilt, lässt sich ihr Sieg in ganz Italien gut vermarkten - wie einst bei Alberto Tomba oder der dreimaligen Olympiasiegerin Deborah Compagnoni, die 1998 Gold im Riesenslalom gewonnen hatte.

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