Überraschungssieger beim US-Masters: Druck beim Putt

Überraschungssieger beim US-Masters
Druck beim Putt

Erst gab es Regen und Proteste, dann ein atemberaubendes Finish. Das bedeutendste Turnier der Welt gewann mit dem Kanadier Mike Weir ein Außenseiter, Tiger Woods verpasste einen Rekord.

AUGUSTA. Das Ende passte zu einer verrückten Turnierwoche. Tiger Woods spielte eine Nebenrolle. Wie es in Augusta Tradition ist, half der Titelverteidiger dem neuen Masters-Champion ins grüne Jackett. "Danke, Tig", frohlockte Mike Weir, "das fühlt sich großartig an." Woods lächelte und tat so, als würde ihm die ungewohnte Tätigkeit als Butler nichts ausmachen.

Dabei muss es im weltbesten Golfer gebrodelt haben. "Man kann nicht alles gewinnen, so ist eben unser Sport", erklärte der Amerikaner, der mit einem dritten Triumph in Folge einen neuen Masters-Rekord aufstellen wollte. Doch der hohe Favorit zeigte auf dem 6 666 Meter langen Par-72-Platz in Georgia, USA, seltene Fehlschläge und konnte seine Aufholjagd am Schlusstag nicht fortsetzen. Woods (76+73+66+75 = 290) landete gleich neun Schläge hinter Mike Weir (70+68+75+68 = 281), der mit dem neuen Kleidungsstück einen Siegerscheck über 1 080 000 Dollar überreicht bekam. Weir feierte bereits seinen dritten Turnier-Sieg in diesem Jahr und erhöhte seine Gewinnsumme auf insgesamt 3,05 Millionen Euro.

Der erste Masters-Erfolg eines Kanadiers hatte dramatische Zutaten. Denn nach einer phänomenalen 65er-Schlussrunde hatte sich bereits Len Mattiace (73+74+69+65 = 281) wie der neue Champion gefühlt. Doch Weir zeigte wahre Nervenstärke, als er vor 50 000 Zuschauern wichtige Putts in Serie machte und so das erste Playoff nach 1990 in Augusta erzwang. "Ich würde keinem den Druck wie bei meinem letzten Putt gönnen, der zum Stechen notwendig war", so Weir.

Bereits das erste Play-off-Loch wurde Mattiace zum Verhängnis, als er eine Baumgruppe streifte und mit einem Doppel-Bogey (zwei über Par) chancenlos war. "Einer muss verlieren und ich habe mir nichts vorzuwerfen", meinte der unglückliche Verlierer, der mit den Tränen zu kämpfen hatte. Sein Trost: 648 000 Dollar. Weir hingegen genoss den größten Erfolg seiner Karriere in vollen Zügen. "Unglaublich", posaunte der Champion, "dies ist etwas, von dem ich immer geträumt habe." Und weiter: "Ich kann meine enormen Gefühle mit Worten gar nicht beschreiben."

Bislang hatte mit Bob Charles (1963 British Open) erst ein Linkshänder ein Major-Turnier gewinnen können. 40 Jahre später widmete nun Weir seinen Erfolg der weltweiten Linkshänder- Fraktion und erzählte genüsslich die Anekdote, wie er als 13-Jähriger dem großen Jack Nicklaus einen Brief geschrieben hatte. Darin bat Weir die Legende um Rat, ob er denn umlernen und lieber rechtshändig spielen solle. Nicklaus antwortete ihm, alles beim Alten zu belassen. "Diesen Brief", erzählte Weir, "habe ich immer noch in meinem Büro."

Nun besitzt der Underdog Ruhm und Ehre sowie einen Platz im Umkleideraum der Champions in Augusta. Dass er wie Mattiace nach vier Runden nur sieben Schläge unter Par war, spricht gegen eine Glanzleistung. Doch die widrigen Witterungsverhältnissen hatten ein besseres Ergebnis unmöglich gemacht. Nach der durch Dauerregen bedingten Absage des Auftaktes am Donnerstag - eine Premiere in 64 Jahren - trieb das nasse, matschige Grün selbst Ex-Champions zur Verzweiflung. Für Bernhard Langer (Sieger 1985 und 1993) war das erste Major-Turnier des Jahres bereits nach zwei Runden beendet, womit der 46-Jährige die neue Rekordmarke von 20 Cuts in Folge verpasste.

Einem persönlichen "Waterloo" entgehen konnte gerade noch Tiger Woods, der sich mit einem Schlag vor dem vorzeitigen Aus retten konnte, ehe er mit einer 66er-Runde am Samstag plötzlich wieder im Champion-Rennen lag. Die Aufholjagd des Tigers war allerdings beendet, als Woods am Schlusstag der Abschlag am dritten Loch misslang und der Ball in einer Kiefern-Gruppe landete. Der folgende Doppel-Bogey beendete seine Titelträume. "Es war eine dieser Wochen", gestand Woods, "in denen ich einfach nicht zu meinem gewohnten Rhythmus finden konnte."

Entgegen erster Befürchtungen war am Sonntag übrigens Golf und der Überraschungssieg von Mike Weir das Hauptthema. Der seit Monaten tobende Streit zwischen Frauenrechtlerin Martha Burk, Vorsitzende des "National Council of Women's Organizations" (NCWO), und Augusta-Präsident Hootie Johnson um die Aufnahme des ersten weiblichen Klub-Mitglieds gipfelte zwar in der angekündigten Demonstration, brachte aber nur rund 100 Protestler auf die Beine. "Fairplay on the Fairway" stand auf dem Schild einer Feministin. Die Gegner antworteten mit "Go home Martha"-Spruchbändern. Da die Polizei klar in der Überzahl war, nannte die Los Angeles Times die Protestaktion "einen Witz".

Keine Witzfigur, sondern das neue Sportidol Kanadas ist hingegen Weir. Und das in einem Land, das normalerweise Eishockeyspieler vergöttert. So durfte er bereits mit dem Eisheiligen Wayne Gretzky ein paar Runden Golf spielen - dies gilt unter den "Ahornblättern" als offizieller Ritterschlag.

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