Übertreibung soll wohl verhindert werden
Notenbanker dämpfen Hoffnung auf Zinssenkung

EZB-Präsident Wim Duisenberg und Bundesbankpräsident Ernst Welteke haben Spekulationen über weitere Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) gedämpft. Doch nach Einschätzung von Analysten wollen die Währungshüter damit nur Übertreibungen an den Märkten verhindern und keine Abkehr vom zuletzt signalisierten Lockerungskurs einläuten.

Reuters FRANKFURT. Auf die Frage, ob die EZB weiteren Spielraum für Zinssenkungen habe, sagte Duisenberg Bloomberg-TV: "Ich weiß das nicht. Man redet viel darüber, genau nachdem wir die Zinsen auf ein historisches Niveau nach unten genommen haben. Es ist zu früh, um wieder über weitere Schritte zu diskutieren." Auch Bundesbankpräsident Welteke warnte am Mittwoch vor übertriebenen Erwartungen. "Bereits eine Woche nach der letzten Zinssenkung zu spekulieren ist müßig, wir sollten etwas gelassener sein." Wie Reuters aus geldpolitischen Kreisen erfuhr, hat die EZB ihre Projektionen für Wachstum und Inflation für 2004 inzwischen deutlich gesenkt.

Die EZB hatte vergangene Woche den Leitzins um einen halben Prozentpunkt auf 2,00 % gesenkt, das niedrigste Niveau der Nachkriegszeit in allen Ländern der Euro-Zone. Duisenberg hatte dies mit den günstigen Aussichten für Preisstabilität in der Euro-Zone, aber auch mit den Risiken für die Konjunktur begründet. Mit dem Hinweis, die Notenbank habe ihren Handlungsspielraum noch nicht ausgeschöpft, hatte der EZB-Chef weitere geldpolitische Lockerungen in Aussicht gestellt. In einer Reuters-Umfrage nach der EZB-Pressekonferenz am Donnerstag sagten drei von vier Analysten weitere Zinssenkungen voraus, im Mittel erwarten die Experten das Zinstief bei 1,50 %.

Auch in Zeitungen bekräftigte der EZB-Chef die Bereitschaft zu weiteren Zinsschritten: "Weitere Zinssenkungen sind durchaus möglich. Denn die Zinsen im Euroraum liegen noch immer höher als in den USA. ... Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Wir haben noch Spielraum." In den USA ist der Leitzins mit 1,25 % noch immer deutlich niedriger als in der Euro-Zone, Analysten halten sogar weitere Zinssenkungen der US-Notenbank für möglich.

"Duisenberg versucht zu bremsen"

Die zurückhaltenden Äußerungen Duisenbergs im Fernsehen hatten kurzzeitig die Kurse an den Rentenmärkten einbrechen lassen, da Zweifel am Lockerungskurs der Notenbank aufkamen. Doch Volkswirte werteten dies nur als Versuch, übertriebene Markterwartungen zu dämpfen und blieben dabei, dass die EZB angesichts der schwachen Konjunktur und stabiler Preise erneut handeln werde. "Duisenberg war vielleicht zu weit vorgeprescht, jetzt musste er etwas zurückrudern", vermutete Jörg Krämer, Volkswirt von Invesco Asset Management. "Das Umfeld passt für weitere Zinssenkungen", sagte auch Gregor Beckmann von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Die Bank prognostiziert weiterhin zwei Zinssenkungen zu jeweils 25 Basispunkten im zweiten Halbjahr.

Die EZB hat ihre Vorhersagen für Wachstum und Inflation in der Euro-Zone nach Informationen aus geldpolitischen Kreisen für das kommende Jahr deutlich gesenkt. Die Vorhersage für 2004 sei jetzt 1,1 bis 2,1 % Wachstum nach einer Spanne von 1,9 bis 2,9 % in der Dezember-Projektion, hieß es in den Kreisen. Für dieses Jahr rechne die EZB jetzt im Mittel nur noch mit 0,7 % Wachstum, nachdem sie ihre Dezember-Schätzung schon vor Monaten um rund einen halben Prozentpunkt auf ein Prozent heruntergeschraubt hatte. Die Vorhersage für die Inflationsrate fällt den Kreisen zufolge in den Projektionen für 2003 mit zwei Prozent im Mittel etwas höher aus als im Dezember. Im kommenden Jahr erwarte die EZB aber einen deutlich verlangsamten Preisauftrieb mit einer Spanne von 0,7 bis 1,9 %.

Die neuen Projektionen seien ein Argument für weitere Zinssenkungen, es sei denn, Wachstum und Inflation entwickelten sich stärker als erwartet, kommentierte Julian Callow, Analyst von Credit Suisse First Boston die Daten. Die EZB wollte die Zahlen auf Anfrage nicht bestätigen und verwies auf deren Veröffentlichung im EZB-Monatsbericht für Juni am Donnerstag.

Trotz historisch niedriger Zinsen äußerte sich der Bundesbankpräsident skeptisch über die Aussichten für die deutsche Konjunktur. Das Wachstum werde in diesem Jahr 0,2 % kaum übersteigen und damit so niedrig ausfallen wie im vergangenen Jahr. Die Bundesbank hat damit ihre bisherige Prognose von einem halben Prozent wie schon früher angekündigt nach unten revidiert.

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